Shani Kangaga über das Wirken einer Mganga – und die Medizin, die jeder in sich trägt

Shani Kangaga, Medizinfrau und Autorin, lernte ich bei einem spirituellen Kongress kennen. Ihre persönliche Geschichte, ihre Leidenschaft für die Ahnenarbeit und ihre ansteckende Lebendigkeit haben mich dazu bewegt, sie zu einem Interview einzuladen. Über das Wirken einer Mganga – der Mittlerin zwischen den Welten.

Eine junge Frau geht auf die Ahnenreise nach Afrika und kehrt als Medizinfrau zurück

Wer oder was brachte dich auf den Weg einer Medizinfrau, liebe Shani?

Meine Ahnen. Sie waren – und sind es zeitweise noch immer – sehr fordernd. Sie haben mich gerufen, mit einer Intensität, der ich nicht widerstehen konnte. Meine Ahnen gaben mir Träume und Visionen, die mitten am Tag kamen. Ich fühlte mich unruhig und unwohl – und wusste: Ich muss nach Kenia! Um meinen leiblichen Vater zu finden … Eigentlich wollte ich ganz auswandern, bereits mit 19 Jahren. Denn mein Leben war zu dem damaligen Zeitpunkt nicht leicht.

Vor dieser Reise ins Unbekannte hatte ich sehr viel Angst: Ich wusste nicht, was mich in Kenia erwartet. In meinem Buch „Die Schlangenfrau“ erzähle ich von diesem Weg, der alles andere als einfach war. Meine Initiationszeit in Kenia war voller Prüfungen und Entbehrungen. Doch auch voller wundersamen Begegnungen: Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, geleitet von meinen lichten Ahnen, ihrem Ruf folgend.

Als ich Mama Fatuma, eine traditionelle Medizinfrau vom Stamm der Mijikenda an der Küste Kenias, traf, sagte sie zu mir: „Ich habe von dir geträumt und warte bereits seit Monaten auf dich.“ Sie zögerte keine Sekunde, „adoptierte“ mich als ihre Tochter und wurde meine Lehrerin. So wurde ich Teil eines Medizinfrauenbundes und in das traditionelle Wissen meiner Vorfahren initiiert. Ich erfuhr, wer meine Ahnen sind und welche Medizin – welche ureigene Kraft in mir steckt.

Kurz bevor ich meine traditionelle Initiation als Mganga anfing, wurde ich schwer krank und hatte Malaria und Cholera zur gleichen Zeit. Das war eine der härtesten Prüfungen auf dieser Ahnenreise – in dieser Zeit, die mich sehr geprägt hat.

Medizinfrau Shani Kangaga bei ihrer Initiation in Kenia
Shani Kangaga segnet ein Kind während ihrer Initiationszeit zur Medizinfrau in Kenia; © Shani Kangaga

Meinen Vater habe ich übrigens nicht gefunden – aber ich erhielt sein Erbe.

traditionelle Medizinfrau wirkt in Europa

Es ist immer ein Ruf der Ahnen, ein Annehmen und Akzeptieren des Rufes und schließlich ein Integrieren der eigenen Medizin.

 Ich bin eine „Mganga“ – das habe übrigens nicht ich entschieden, sondern meine Ahnen wollten es so! Auf Suaheli bedeutet Mganga „Medizinperson“: Dieser Begriff wird sowohl für Medizinfrauen als auch für Medizinmänner verwendet.  Als Medizinfrau trage ich eine bestimmte Medizin – also eine Gabe in mir, die mir meine Ahnen geschenkt haben. Diese teile ich mit den Menschen.

Was genau ist eine Mganga und was sind ihre Aufgaben?

Eine Mganga ist eine traditionelle Medizinfrau. Die Aufgaben einer traditionellen Medizinfrau sind sehr vielfältig. Sie kann als Heilerin tätig sein oder aber andere Positionen innerhalb einer Ethnie einnehmen. Zum Beispiel die einer

      • Lebens- und spirituellen Beraterin,
      • Pflanzenkundigen bei körperlichen Leiden,
      • Hebamme,
      • Ahnenhelferin oder Seherin.

Wie sieht der Weg einer Medizinfrau in Europa aus?

Als traditionelle Medizinfrau in Europa ist es für mich manchmal nicht einfach: Ich muss bestimmte Dinge anpassen oder eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen. So kann ich zum Teil nicht die gleichen Zeremonien machen wie in Afrika – und vieles, was dort als selbstverständlich wahrgenommen wird, muss ich hier erst mal erklären oder gar neu lernen.

Der westliche Mensch ist oftmals kopfgesteuert: Er will kontrollieren oder ein klares Konzept und Protokoll haben, wie, wo, was läuft. Kontrolle ist jedoch ein Stück weit auch eigene Manipulation. Um nicht fühlen zu müssen. Die geistige Welt jedoch kann man nicht kontrollieren. Nur fühlen! So muss man bis zu einem gewissen Maß die Kontrolle abgeben – und vertrauen.

Medizinfrau (oder Medizinmann) werden

Wenn du dazu bestimmt bist, fühlst du es. Du wirst gerufen …

 Kann jeder Medizinmann oder Medizinfrau werden?

Nicht jeder Mensch wird dazu gerufen, ein Medizinmann oder eine Medizinfrau zu werden. Es ist keine Frage von „was kann eine Medizinperson, was andere „noch“ nicht können“, sondern „ob“ sie diese Aufgabe in ihrem Leben hat oder nicht. Auch in einer traditionellen Gesellschaft wird nicht jeder eine Medizinperson. Wenn du dazu bestimmt bist, fühlst du es. Du wirst gerufen und kannst nicht anders – selbst wenn du es nicht willst.

Und du brauchst dafür Gaben und Kräfte – also deine Medizin, die du in dir trägst bzw. von Ahnen und Spirits geschenkt bekommst. Mit deiner Medizin musst du aber vorerst deine eigenen Erfahrungen machen, bevor du sie als Medizinfrau oder Medizinmann bei anderen einsetzt. 

Wie wird man eine Medizinperson?

Medizinpersonen in traditionellen Gesellschaften durchleben Initiations- bzw. Übergangsriten und langwierige Prozesse, um an das Wissen zu gelangen, das sie für ihre Arbeit benötigen. Sie werden von den Ahnen, Spirits oder anderen Medizinpersonen gelehrt und unterwiesen. Sie schulen ihre Fähigkeiten und müssen sie schließlich vor der Gemeinschaft beweisen. Das ist kein Prozess, der an ein paar Wochenenden erledigt ist, sondern ein Leben lang geht. Auch ich wurde geprüft und musste in Afrika meine Fähigkeiten als Medizinfrau vor der Gemeinschaft beweisen.

Mit welchen Techniken arbeitet eine Medizinfrau?

Bei den Mijikenda – dem größten Stamm an der Küste Kenias – ist eine Medizinfrau immer eine Mittlerin zwischen den Ahnen und den Menschen. Das ist eine ihrer Aufgaben. Die Ahnen sind ebenfalls die Mittler zwischen der menschlichen Welt und dem großen Geist „Mungu“.

Eine Medizinfrau geht in einen bewussten Trancezustand, den sie selbst initiiert, und lässt zu, dass die höchsten und weisesten Ahnen ihren Körper nutzen, um zu wirken, zu sprechen, zu segnen oder zu heilen. Oder sie reist in Trance in die geistige Welt.

Der Weg einer Medizinfrau – alles andere als leicht

Als Medizinperson gehst du deinen Weg oft alleine – und hast „nur“ die Unterstützung deiner Ahnen und Spirits.

Was sind die größten Herausforderungen einer Medizinfrau in der westlichen Gesellschaft?

Eine Medizinperson trägt viel Verantwortung, denn sie hält den Raum für andere. Manchmal wird man gefürchtet. Oftmals nicht gesehen oder gehört, als seltsam oder verrückt abgestempelt. Eine Medizinfrau muss Prüfungen bestehen, durch Ängste und Krankheiten gehen, sich heilen, an sich arbeiten – und wird mit Situationen, Kräften und Energien konfrontiert, die nicht nur angenehm sind.

Und: Wer viel Bestätigung braucht, sollte diese Arbeit nicht machen. Denn als Medizinperson gehst du deinen Weg oft alleine – und hast „nur“ die Unterstützung deiner Ahnen und Spirits.

Was ist deine persönliche Medizin und wie setzt du sie als Mganga ein?

Ich habe eine sanfte, vermittelnde Medizin. Als Mganga gebe ich Ahnen-Sessions und „übersetze“ die Kommunikation zwischen dem Menschen und seinen Ahnen. Ich habe aber auch andere Interessen. Als alleinerziehende Mutter habe nebenbei immer gearbeitet: als Wissenschaftlerin im Museum, ethnologische Beraterin für einen Dokumentarfilm und NGO´s (Nichtregierungsorganisationen), Buchhändlerin, Autorin. Ich habe meinen eigenen Podcast (African Soul Podcast), schreibe zurzeit an meinem zweiten Buch und gebe seit über 20 Jahren immer wieder Seminare und Workshops; leite Frauenkreise. Zurzeit bin ich als einzige Frau im Windsurfsegel-Import tätig: Denn ich gehe gerne den ersten Schritt, um anderen Frauen den Weg vorzubereiten. Dies ist auch ein Teil meiner Medizin – die sanfte Kriegerin in mir.

Meine Medizin und meine Gaben lebe ich sehr vielfältig aus – egal in welchen privaten oder beruflichen Feldern ich mich bewege. Immer.

Danke für das Interview, liebe Shani Kangaga – die mutige Medizinfrau, die die afrikanische Heilkunst und ihre Weisheit nach Europa brachte.

Titelbild (Shani Kangaga): © Anne Oschatz