Heimatgefühle

Meine Heimat ist da, wo ich geboren bin – dazu stehe ich voll und ganz. Es ist ein kleiner, vertrauter Ort – ein Fleckchen Erde, das mich immer wieder ruft: „Komm zurück, hier sind deine Wurzeln!“ 

Heimat = Wurzeln?

Was ist denn das mit diesen Wurzeln? Brauchen wir sie wirklich? Wäre es nicht viel schöner, frei von jeglichen Bindungen und Verwurzlungen zu sein und freien Fußes durch die Welt zu ziehen?

Das versuche ich seit vielen Jahren herauszufinden: Ich reiße mich los, fahre weit weg von dem Ort, der sich meine Heimat nennt, von der Frau, die ich meine Mutter nennen darf, von meinen Erinnerungen aus der Kindergarten- und Schulzeit, die mich geprägt haben … Und kehre immer wieder dorthin zurück – als hätte jemand unsichtbare Bänder an meine Beine gebunden, die mich immer wieder in die Vergangenheit katapultieren, die nie vergangen war: In meine geliebte Heimat.

Je älter ich werde, desto präsenter wird sie: Die Erinnerungen an „damals“ kommen heute farbig und prächtig-bunt zurück, im Detail, ausführlicher denn je. Wie ein Schatz lagen sie in einer geheimen Truhe in den Tiefen meines Unterbewusstseins und warteten nur auf den richtigen Moment. Und dieser ist JETZT!

Erinnerungen

Ist es die Angst, dass bald alles „vorbei“ sein könnte, was war? Menschen gehen, die noch etwas von „Früher“ hätten erzählen können, doch nehmen sie viele nie geteilte Geschichten und Erlebnisse mit. Alte Häuser – wie das von meiner Oma –, die früher so groß schienen, ducken sich immer mehr zum Boden hin und verschwinden letztendlich unter dem Staub der Ewigkeit. Schulkameraden bekommen Glatzen, dicke Hüften und verlieren immer mehr an fröhlichem Glanz, der sie früher kennzeichnete. Sogar die alten Fenster meiner Schule schauen mich etwas schief an, als würden sie mich warnen wollen, dass alles schwindet, unaufhaltsam, unwiderruflich …

Heimatgefühle

Und doch bleibt eines konstant: meine Heimat und die damit verbundenen Heimatgefühle. Zu beschreiben, was die Seele empfindet, sobald sich der erste Fetzen des russischen Bodens hinter dem Flugzeugfenster zeigt, ist schwer, aber nicht unmöglich: Es ist ein Chor aus 1000 Nachtigallen, die ihr fröhliches Mai-Liebeslied singen; eine Armee aus Schmetterlingen, die ihren unbekümmerten Tanz in meinem Bauch ausführen; ein Lichternetz aus Glühwürmchen, das den Himmel abdeckt; der süßliche Geschmack, den das Wasser annimmt, sobald mein Flugzeug über meiner Heimat fliegt.

Noch sind es weitläufige, sich etwas beschämt verbeugende Birkenwälder; chaotisch angeordnete Schrebergärten; unebene, holprige Wege, die wie unendliche Schlangen die grau-braun-grüne Felder benetzen; raue Menschencharaktere und der liebliche Anblick der Wolga mit ihren hohen Ufern …

Doch sind es auch hundertköpfige Mauersegler-Schwärme, die unaufhörlich ihre Kreise direkt vor meinem Gesicht drehen, als ich vom Balkon meines fünfstöckigen, schäbig wirkenden Block-„Elternhauses“ in den eingewachsenen Hof hinunterschaue. Und die verrostete, gefühlt eine Million Mal neu gestrichene Rutsche, die mir und meiner ersten „Hof-Freundin“ mit fünf Jahren nicht nur freudige Adrenalin-Momente bereitete, sondern auch ein paar blaue Flecken bescherte.

Unter dieser alten, buckeligen Rutsche wollte mir mit ca. zwölf Jahren der etwas ältere Nachbarjunge unbedingt erklären, wie man richtig raucht. Dieser verschwand später für längere Zeit aus dem Hofleben und tauchte erst vor ein paar Jahren, heil und unversehrt, wieder auf. Er heiratete rasant eine fruchtbare russische Frau und bekam (bisher!) zwei Kinder. Viele Nachbarn sind weggezogen oder bereits verstorben, neue „Unbekannte“ sind hinzugekommen. Die Birke, die mit mir zusammen wuchs und mir vor 35 Jahren erst bis zum Bauch reichte, hat bereits die Höhe des Hauses überholt. jetzt verdeckt sei den Blick auf den Balkon einer lieben Nachbarin, die nun auch nicht mehr auf dieser Welt ist …

Lauf der Welt       

Alles verändert sich, vieles geht, einiges komm neu dazu – das ist der Lauf der Welt. Das Eine bleibt dennoch zuverlässig bestehen: meine Heimatgefühle. Sie sind ein bunter Mix aus wachen Erinnerungen und der leisen Hoffnung, dass meine Wurzeln mich festhalten und nie aufhören, nach mir zu rufen. Denn Heimat ist das, was uns daran erinnert, wer wir wirklich sind. Aus welchem „Material“ wir gemacht worden sind. Sie ist ein Zufluchtsort für die Seele, wenn sie sich verirrt und nicht mehr weiterweiß. Ein Kurort für den Kopf, wenn dieser voll mit unwichtigen, dennoch sehr wichtig erscheinenden Sachen ist. Ein ewiges Heim für Erinnerungen, die uns an uns selbst erinnern … Für mich ist sie nun auch ein Indikator für die Entwicklung, die ich gemacht habe, in all den Jahren meiner „Heimatflucht“. Ein Barometer meiner Veränderungen, die ich meiner zweiten Heimat – Deutschland – zu verdanken habe. Sie ist alles, was mir auf immer und ewig bleiben wird …

Abendstimmung am Heimat-Himmel: Mauersegler-Schwarme toben fröhlich vor dem stimmungsvollen Sonneuntergang
Mauersegler toben am Abendhimmel meiner Heimat und wecken mit ihrem fröhlichen Gezwitscher Nostalgie-Gefühle

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