„Was ist die Seele?“

fragte ich als Kind meine Oma. Seitdem ließ mich diese Frage nicht mehr los. Erst Jahrzehnte später fand ich eine Antwort. Eine Geschichte über die Seele, wie man sie auch einem Kind erzählen könnte.

Meiner geliebten Oma gewidmet, die mich dazu inspirierte, über die Ewigkeit des Seins nachzudenken.

Meine Seele: Blume, Schmetterling oder tiefer See?

Die Frage aller Fragen: Was ist die Seele? Ist sie eine Blüte, die nie verwelkt? Ein Schmetterling, der sich immer wieder verwandelt, bis er perfekt ist? Ein blauer See, der so tief ist, dass man seinen Boden nie erreicht? Vielleicht ist sie nur eine weiße Wolke, die sich an manchen Tagen grau oder gar schwarz färbt …


„Was hast du auf der Seele?“

fragte mich einmal meine Oma, als ich, etwas mies gelaunt, unter dem schattigen Apfelbaum saß und mit einem Stöckchen in der trockenen Erde grub. Eigentlich war ich nur gelangweilt – und geplagt von dem heißen Tag und der kindlichen Einsamkeit. Aber nun hatte sie mit ihrer Frage etwas in mir bewegt: Es fühlte sich so an, als würde sich etwas in mir, im Herzraum, rühren. War das in etwa Neugier? Oder die Erwartung einer aufheiternden Unterhaltung, die mich kurzerhand aus meiner schleierhaft-grauen Träumerei riss?

„Was ist die Seele, Oma?“

Sie schaute mich etwas verloren an. ‚Wie soll ich nur einem kleinen Menschen erklären, was Seele ist?‘, meinte ich ihre Gedanken lesen zu können.

„Nun … Sie ist rund, glaube ich. Und wohnt in deiner Brust. Vielleicht kannst du dir eine Lichtkugel vorstellen, die du immer in deinem Brustkorb trägst?“

Daraufhin kniff ich meine Augen ganz fest zusammen, presste meine Lippen aufeinander und hielt sogar den Atem an – in der Hoffnung, dass ich mir so leichter einen leuchtenden Ball in meiner Mitte vorstellen kann. Doch die Mühe war vergebens. Meine Phantasie malte mir alles Mögliche aus: Luftballons, die in den Himmel fliegen; eine alte Kugelleuchte aus unserem Wohnzimmer; sogar die Sonne, die mich in dem Moment erbarmungslos von oben stach. Aber all diese Gegenstände konnte ich mit all meiner Vorstellungskraft nicht in meine Brust pressen.

„Kann ich meine Seele spüren?“

bohrte ich nach, als ich meine Augen aufriss und eine leichte Verzweiflung spürte.

„Na klar! So, wie du gerade schaust, spürst du deine Seele schon. Diese Beklemmung, die ich in deinem Gesicht lese. Du müsstest gerade eine enge Stelle zwischen deinen Rippen fühlen. Das ist die Seele, die sich meldet.“

Ich spürte nach: In der Tat fühlte ich etwas in mir, eine Art Druck. Es war mir irgendwie ungemütlich in meiner Haut. Ich wollte die Auflösung und bohrte weiter:

„Aber, aber …“

In diesem Augenblick flog ein bunter Schmetterling an meiner Nase vorbei, setzte sich kurz auf einen schönen roten Apfel direkt über meinem Kopf. Ich betrachtete seine fröhlich-bunten Farben, stellte mir vor, wie süß-saftig der reife Apfel schmecken soll und spürte – zu meiner großen Verwunderung –, wie sich der Druck auflöste und sich eine unendliche Weite in meinem Brustkorb auftat.

„Auch das ist deine Seele, mein liebes Kind. Wenn du dich über etwas freust, fühlst du sie natürlich auch. Sie ist nämlich immer für dich da, in guten wie in schlechten Zeiten.“

Nachdenklich verfolgte ich den Schmetterling bei seinem leichten Abflug und war neidisch auf ihn: So gern würde ich mich jetzt abheben und unseren magischen, alten Garten von oben anschauen! ‚Die ziehende Sehnsucht, die ich empfinde, müsste zweifellos ebenso meine Seele sein‘, dachte ich mir, fragte aber Oma nicht, denn ich wollte nicht dumm erscheinen.

„Kann meine Seele wie dieser Schmetterling fliegen?“

kreuzte ich wichtigtuerisch meine Arme vor meiner Brust – vielleicht für den Fall, dass Oma meine Frage mit „Ja“ beantworten würde – so könnte ich dann die Seele aufhalten …

„Ja, kann sie! Nur leider nicht untertags, sondern nachts, wenn du schläfst. Du träumst doch bestimmt von fremden Ländern, unbekannten Orten und Menschen? In dieser Zeit reist deine Seele und hilft dir, die Welt kennenzulernen.“

„A-a-a-ah … Und was passiert, wenn sie sich in der Nacht verirrt und nicht mehr zu mir zurück findet? Oder wenn sie sich bei jemand anderem wohler fühlt und bei ihm bleiben will?“

„Keine Angst, mein Kind, sie ist schlau und erfahren – und sie hat DICH für dieses Leben ausgesucht. Also bleibt deine Seele dir treu. Aber bleib auch du ihr treu!“

„Wie meinst du das, Omi?

„Was bedeutet das, der Seele treu zu bleiben?“

Ich rümpfte meine Nase und schaute sie irritiert an. Denn es öffneten sich immer neue Perspektiven auf das Thema, was die Seele ist.

„Hmhh … Das ist gar nicht so einfach …“

Nun war meine Großmutter leicht verzweifelt und suchte nach passenden Worten.

„Du musst immer auf deine Seele aufpassen und sie pflegen, damit es ihr gut geht und sie immer schöner und größer werden kann.“

„Wie eine Blume?“, gab ich keine Ruhe. „Muss ich sie auch düngen?“

„Nur nimmst du keinen richtigen Dünger. Mach einfach immer das, was dir gut tut, was dir gefällt und was du liebend gerne machst – dann wirst du spüren, wie sie sich freut, deine Seele. Zwinge sie nie zu etwas, was sie nicht mag: andere belügen, zum Beispiel. Oder jemandem wehtun. Oder klauen. Denn du wirst sehen: Sobald du so etwas machst, ist deine Seele todtraurig – und du fühlst dich überhaupt nicht gut.

„Todtraurig heißt, sie ist dann nicht nur traurig, sondern auch t…?“

Entsetzt schaute ich tief in die Augen meiner Oma und spürte, wie etwas in mir sehr schnell schrumpfte und zwickte … Die Vorstellung, eines Tages keine Seele mehr zu besitzen, war für mich nun verwirrend, wenn nicht sogar schmerzend. Dabei wusste ich vor einer halben Stunde noch nicht mal von ihrer Existenz!

 „Eines Tages wird sie dich verlassen …“

setzte sie vorsichtig, mit einer samtweichen Stimme, ihre Erklärung fort:

„Dabei wird sie aber nicht sterben, sondern nur dein Körper. Sie wird einfach wie ein Schmetterling – leicht und unbeschwert – deinen Körper verlassen und in Richtung Himmel fliegen. Zu den anderen Seelen, die da oben schon auf sie warten. Auch meine Seele wird auf deine warten – denn sie geht noch vor deiner in die andere bunte Welt.“

„Du brauchst keine Angst davor zu haben – denn auch die Seele hat sie nicht.“

Die Stimme meiner Oma klang dabei so vertraut und warm, dass ich in der Tat ruhig blieb.

„Die Seele weiß, dass sie nun vieles gelernt und erfahren hat und dass sie „da oben“ unbeschwert weiter leben kann – in einem Garten, der mindestens so schön ist, wie unserer.“

Diese Vorstellung, eines Tages nicht mehr als Körper, sondern nur als eine Lichtkugel zu existieren, war etwas gewöhnungsbedürftig. Meine Oma merkte meine Verwirrung und eilte mit folgender Antwort:

„Das ist der Kopf, der dich gerade etwas durcheinander bringt. Denn er ist derjenige, der nicht verstehen will, was die Seele ist. Genauso, wie er sich nicht vorstellen kann, dass sie eine Lichtkugel ist. Der Kopf kann nur das verstehen, was er mal irgendwo gelesen oder gesehen hat. Da die Seele aber für das Auge unsichtbar ist, wird er sie nie akzeptieren. Das ist aber auch nicht weiter schlimm …

… denn in deinem Inneren weißt du nun, was eine Seele ist, nicht wahr?“

Ich faltete meine Stirn, rollte die Augen, spürte, wie es in meinem überfüllten Kopf rauchte und ratterte – eine Lichtkugel wollte da aber nicht rein, wobei ich ihre Anwesenheit nun unumstritten spürte …

Der langweilige Tag war gerettet. Ich kam aus dem Schatten, atmete tief die etwas kühler wirkende Abendluft. Große, pralle Äpfel strahlten nun in dem untergehenden Sonnenlicht so fröhlich-rot, als würden sie sich über den Sonnenschein freuen. ‚Ob sie auch eine Seele haben?‘, dachte ich.


Ich ließ es für die nächsten Jahre offen, welche Form und Größe meine Seele hat. Auch dachte ich nicht mehr darüber nach, ob sie fliegen oder sterben kann. Eines wusste ich sicher: Meine Oma war eine weise alte Seele. Mittlerweile weilt ihre Seele in dem schönen Ort, an dem sie auf meine wartet. Für diese Erkenntnis bin ich meiner Großmutter besonders dankbar – denn so weiß ich, dass ich nichts zu befürchten habe …

Mittlerweile meine ich zu wissen, wie sie aussieht

Was ist die Seele? Eine prachtvolle Blüte, die Gefühle und Emotionen verbirgt.
Meine Seele ist eine Blume. In ihren zahlreichen Schichten liegen Gefühle und Emotionen verborgen.

Als diese Unterhaltung damals stattfand, war sie eine kleine, rosige Knospe in hellem Rosa. Mit den Jahren wurde aus der Knospe eine Blume. Je mehr Erfahrungen meine Seele sammelte, desto mehr Blätter kamen dazu. Manche Blättchen wurden immer wieder verletzt und mussten mit der Zeit abfallen. An ihrer Stelle wuchsen neue, gesündere Blätter. Ihre Farbe wechselte zum dunkleren Rosa, dann zu Rot und leuchtet mittlerweile in Bordeaux. Meistens meine ich, die Form und Farbe deutlich zu erkennen …

An manchen Tagen scheinen sie mir dennoch zu undeutlich. Dann stelle ich mir meine Seele als einen tiefen, blauen See vor, den ich noch einige Jahre ergründen muss, um bis an seinen Grund zu tauchen. Doch das bereitet mir aber keine Sorgen – denn meine Seele hat nun eine Unterstützung: Eine weitere Lichtkugel – oder Blume. Das ist die von meinem Mann, mit dem ich ein Herz und eine Seele bin. Denn, wie man das so schön sagt:

Schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande.

Wenn sich zwei Seelen finden, die zusammengehören, bedeutet das nichts anderes als … Liebe!

2 Gedanken zu “Eine Geschichte über die Seele

  1. Hallo,
    das ist so unbeschreiblich schön. Ich habe mir einen Ordner mit solchen Geschichten, Gebeten usw. angelegt und würde auch diese Geschichte gerne darin ablegen, um sie zum Vorlesen jederzeit griffbereit zu haben. Besteht die Möglichkeit, diese als PDF zu bekommen?
    …und vielleicht noch andere?
    Ich kann sie auch bezahlen.
    Liebe Grüße
    Renate

    1. Liebe Renate,

      freut mich, dass du meine Geschichte über die Seele (und andere Geschichten) vorlesen möchtest. Ich habe dir dazu eine E-Mail geschrieben.

      Weiterhin viel Freude mit meinen Schriftstücken 🙂 & bis bald!

      Schöne Grüße
      Olga

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