Über das Frauenerbe und die Heilung der Frauenlinie: Anneke Wittermans im Interview – Teil 1
Die jahrhundertelange Geschichte deiner Vorfahrinnen ist ein Strom, der in dein Heute hineinfließt – und durch dich in die Zukunft. Jede nachkommende Generation erbt dabei Talente und Gaben, aber auch den Urschmerz. Immer und immer wieder. Warum jetzt die richtige Zeit ist, sich an das Frauenerbe zu erinnern und die weibliche Ahnenreihe zu heilen, erzählt Coach und Urtanz-Lehrerin Anneke Wittermans im Interview. Mit musikalischem Arrangement von Suzan van der Voort!
Das Erbe der Frauen, der Urtanz und die Kraft des Weiblichen
Liebe Anneke, deine Mission, an das Erbe der Frauen zu erinnern – woraus besteht sie?
Um zu verstehen, was das Erbe der Frauen ist, gehen wir doch in der Geschichte der Menschheit weit zurück. Aus dem Neolithikum, also der Jungsteinzeit, stammen Bilder, die bezeugen: Frauen standen in ihrer Kraft. Sie waren dem Mann nicht unterordnet. Sie litten nicht. Diese Frauenbilder inspirierten mich dazu, den Ursprung der Weiblichkeit, des Frauseins zu erforschen.
Mit meiner Mission meine ich jedoch nicht, dass wir in diese Zeit zurückwandern. Viel mehr wünsche ich mir, dass wir diesen Ursprung in unsere Ära holen. So möchte ich, dass wir uns an unsere damalige harmonisierende Kraft – die Kraft des Friedens – erinnern und sie wieder zu leben beginnen. Damit erinnern wir uns auch an den Wunsch, den Frieden in die Welt zu strahlen.
Wie kam es zu deiner Mission, das Frauenerbe in unsere Zeit zurückzuholen?
Irgendwann nach meinem Studium an der technischen Universität haben mich die Frauenbilder des Neolithikums aus der Türkei und von Kreta gerufen: Ich wünschte mir, ihre Kraft zu verkörpern, und habe dann mit dem Urtanz begonnen. So habe ich angefangen, zu verschiedenen Themen zu tanzen – um ihnen durch meine Körperbewegungen Ausdruck zu verleihen.
Während vieler Tänze zeigten sich mir die erwähnten Frauenbilder immer wieder; ich konnte ihre Kraft sehen und spüren, die ich in unserem modernen Leben so noch nicht wahrgenommen hatte. Diese Bilder und die Tanzbewegungen ließen mich den tieferen Sinn der Themen, ihre tiefe Bedeutung erkennen …
So wurde dieser Wunsch geboren, die Urkraft des Weiblichen zu verkörpern – und sie in das Heute zu holen.
Dieses Video ist inspiriert von minoischen Siegelringen von erlesener Feinheit, die wahre Wunder der neolithischen Zeit auf Kreta sind. Sie zeigen Priesterinnen, die in Ekstase tanzen oder heilige Rituale vollziehen, in denen die Natur verehrt wird. Inmitten der Natur zu tanzen und Tempel aus zarten Choreografien im Rhythmus von Zehn zu erbauen, führt in die Stille – während eine Klage die Luft erfüllt.
Was ist deine Vision der Frauenkraft, ja der Weiblichkeit?
Je reiner ich meine Gedanken halten und je besser ich sie neukodieren kann, desto schöner kann ich die Welt um mich herum kreieren.
– Anneke Wittermans –
Oh, Weiblichkeit hat viele Gesichter. Und jede Ära bringt ihr Kolorit mit hinein. In der minoischen Hochkultur sind es beispielsweise die Euphorie, die enorme Naturverbundenheit – aber vor allem die Ekstase: Gerufen von den Göttinnen, dankten die Frauen in Ekstase der Natur und dem Himmlischen.
Vor 6.000 Jahren verstanden Frauen die Kunst des tiefen Meditierens und Manifestierens. Davon zeugt unter anderem eine kleine Figur, bekannt unter dem Namen „Dreaming Lady“, die auf Malta gefunden wurde. Die schlafende Dame träumt in ihren Meditationen von der schönen Zukunft, die sie so manifestiert und ins Dasein ruft. Dabei nutzt sie die schöpferische, visionäre Kraft des Träumens.
Im Grunde genommen beteten die Frauen von damals – für uns. Durch ihre meditativen Gebete und Visionen erschufen sie die Welt, durch alle Zeiten hinweg. Und diese wichtige Fähigkeit sehe ich nun auch als unsere an. Wir können sie wieder lernen, indem wir uns beispielsweise auf schöne Gedanken konzentrieren.
Deine „Instrumente“ sind Urtanz und Dichten: Wie wirken sie im Sinne deiner Mission?
Urtanz bedeutet, dem eigenen Rhythmus und der Form treu zu bleiben. Tanzen wir zusammen, kreieren wir ein tragendes Feld: einen geschützten Raum, in dem wir innerlich weich werden und Veränderung zulassen können. So erlauben wir uns, zu wachsen, und finden eine neue Form, die zu dem passt, was uns gebührt.
– Anneke Wittermans –

Jeder Urtanz beginnt damit, dass wir uns aufrichten – diese Haltung allein ist schon symbolisch. Wir stehen aufrecht auf den Füßen und beginnen, unsere Bewegungen zu formen, ihnen eine Gestalt zu geben. Diese Formen sind bildhaft gesprochen Tempel: Sie erschaffen Strukturen, die uns einen offenen Raum bieten, in dem wir unsere feineren Talente in einer verfeinerten Atmosphäre entfalten können. Sie leiten bestimmte Frequenzen ein, die uns an eine unsichtbare Welt anbinden und Geschichten erzählen. Diese übersetzte ich in gesprochene Sprache, indem ich nach jedem Tanz ein Gedicht schreibe.
Im Prinzip kann jeder vor dem Tanz eine Frage stellen, die ihn bewegt. Wenn wir eine bestimmte Form eine Zeit lang tanzen, zeigen sich uns Bedeutungen – als Antworten auf die gestellte Frage. Auf diese Weise führt uns der Tanz zu einem tieferen Sinn.
Im Urtanz-Unterricht tanzen wir oft in Gruppen zu bestimmten Themen – darunter auch das Thema „Das Erbe der Frauen“. Jeder bekommt währenddessen ein Wort. Aus allen erschienenen Wörtern dichten wir schlussendlich diverse Versen, die die Essenz des Themas ans Licht bringen. Später gibt Suzan meinen Gedichten eine musikalische Stimme. So verleiht sie meinen Veranstaltungen mit ihrem berührenden Gesang eine noch tiefere Bedeutung und eröffnet weitere Räume der Heilung.
Weibliche Ahnenreihe heilen
Inwiefern ist das Thema „Weibliche Ahnenreihe heilen“ Teil deiner Mission?
Alle Frauen hinter uns, unsere Ahninnen – könnten Leid und Schmerz erfahren haben, möglicherweise durch die Epoche des Patriarchats verursacht. Sie konnten ihre Sanftheit, ihre Magie oft nicht leben: Da denke ich an Hexenverurteilungen, die ihre Empfindsamkeit und ihre hellseherische Gabe nicht zeigen durften. Sie mussten überleben, Nahrung suchen und für andere da sein, für sie sorgen.
Wenn wir uns an diese Frauen erinnern, werden wir immer wieder dazu aufgerufen, die Bilder zu klären, die Schmerzen und Wunden zu heilen und diese Frauen mit Wertschätzung, Respekt und neuen Gedanken zu ehren; ihnen Licht und Nahrung über die Fäden der weiblichen Ahnenlinie zu senden. In dieser Linie wechseln sich Mutter und Tochter ab, wieder und immer wieder. Sie geben ihre Erfahrungen – und auch den Urschmerz – immer weiter.
Nun ist es an der Zeit, mit dem Schicksal unserer Vormütter Frieden zu schließen. Der Urtanz, den ich bereits auch in Deutschland unterrichtet habe, ist einer der vielen Wege zu dieser Bereinigung, ja zum Erlösen eines sehr, sehr alten Leides.
Die weibliche Ahnenreihe heilen – was bedeutet das genau?
Meine weibliche Ahnenlinie zu heilen bedeutet nicht, zurückzublicken und das Leid meiner Vormütter zu beweinen. Viel mehr bedeutet es, zu erkennen, dass ich – und ich meine damit jeden Menschen – etwas verändern und einen Teil des Urschmerzes befrieden kann.
Wenn ich aufhöre, das zu wiederholen, was in mein Leben nicht hineinpasst, bekomme ich die Chance, die Dauerschleife voller Leid und Schmerz zu beenden. Denn ich brauche sie nicht mehr unendlich zu wiederholen. Was ich jetzt (ge)brauchen kann, ist die Versöhnung, als wichtiger Teil des inneren Friedens – aber auch des äußeren. Denn Kriege und Kämpfe, auch die im Außen, sind möglicherweise ein Ausdruck der Urwunde, die von Generation zu Generation weitergereicht wurde und nun befreit werden kann.
Das Thema „Frauenlinie heilen“ betrifft übrigens alle Menschen – auch Männer. Denn wir alle kommen von einer Mutter. Dabei übernehmen diejenigen, mit denen die Frauenlinie endet – weil sie keine Kinder zur Welt brachten –, eine besondere Mission auf dem Weg der Ahnenheilung. Den Letzten der Frauenlinie und ihrer speziellen Bestimmung widmete ich mein Buch „Ode an die Letzte der weiblichen Linie“, das es bisher auf Holländisch gibt.
Was können wir für die Heilung der Frauenlinie tun?
Eine Möglichkeit: Wir schenken der Welt schöne Bilder und Visionen der Zukunft. Immer und immer wieder. Was es dafür braucht, sind schöne Gedanken! Und große Dankbarkeit dafür, dass wir es bis hierher geschafft haben; dass wir das Leben geschenkt bekommen haben und gerade jetzt mitten im Leben stehen dürfen. Dass das möglich ist, haben wir unseren Ahninnen zu verdanken. Weil sie so viele Sorgen ertragen haben – für die nachkommenden Generationen.
Durch die neue, schöne Art zu denken und zu sprechen kodieren wir uns neu und bieten so unseren Vormüttern – und uns selbst – eine Chance, eine neue Welt zu erleben: eine harmonische und friedliche Welt.
Außerdem können wir dem Vorbild der neolithischen Frauen folgen – und uns an ihre sanfte Kraft erinnern.
Was genau ist diese sanfte Kraft?
Da denke ich an eine Blume, die den Asphalt sprengt, um aufzublühen!
Was sonst kann uns helfen, die weibliche Ahnenreihe zu heilen?
Das, was wir eben besprochen haben: neu kodieren, neu denken, neu handeln, neu sprechen.
Wenn wir es uns vorstellen: Zum einen haben wir durch die Mitochondrien-DNA unserer Mütter die Lebensenergie von unseren Ahninnen erhalten. Zum anderen wird durch die Flüssigkeiten der Mutterlinie – über die Eizelle, die Plazenta und die Muttermilch – das Erbe über die weibliche Ahnenreihe weitergegeben. Darunter sind möglicherweise auch der Schmerz unserer weiblichen Vorfahren, ihre Ängste – oder ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre unbewussten ‚Beweggründe‘.
Diese Informationen sind in jeder Zelle von uns gegenwärtig und prägen uns und unser Leben. Das führt dazu, dass wir zwar Talente und Kräfte in uns wahrnehmen könnten – aber auch eine Art Zwietracht oder Ohnmacht. Diese innere Zwietracht zu beenden, uns mit dieser Gegebenheit zu versöhnen – darum geht es. Gleichzeitig können wir unsere Fähigkeiten und unsere Kraft erkennen und annehmen. Darin liegt der Samen der Freiheit und der neuen Sanftheit. Der Urtanz, als Ausdruck der Körpersprache, ist ein möglicher Weg, diesen Samen zum Leben zu erwecken – und damit zur Heilung der Frauenlinie beizutragen.
Danke für das inspirierende Interview, liebe Anneke. Danke, liebe Suzan, für deine kraft- und gefühlvolle Stimme!
Mehr über Anneke Wittermans und ihre Tätigkeit findet ihr auf ihrer Homepage.
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Illustration: Mein Konzept, umgesetzt mit Unterstützung von OpenAI DALL·E