Botschaft an die Letzten der weiblichen Ahnenlinie
Kinderlosigkeit – ob gewollt oder ungewollt – ist ein Thema, über das oft geschwiegen wird. Dabei nehmen Frauen, mit denen ihre Mutterlinie endet, häufig eine besondere Rolle als Befreierinnen ein. Diese Rolle verdient mehr Anerkennung, meint Coach Anneke Wittermans im zweiten Teil unseres Interviews. Denn als Letzte der weiblichen Ahnenreihe können diese Frauen ihre Vorfahrinnen vom alten Schmerz befreien und ihr eigenes Leben von veralteten Mustern erlösen. Damit läuten sie eine neue Ära ein – eine, die die Welt gerade jetzt dringend braucht.
Vom Vorrecht, die Letzte Ahnin zu sein
Hilfreich ist ein neues Bewusstsein und das Verständnis für deine einzigartige, authentische und versöhnende Rolle als die Letzte der weiblichen Ahnenreihe.
– Anneke Wittermans –
Liebe Anneke, als Letzte meiner Frauenlinie frage ich mich als Erstes: „Warum ich?“
Dafür kann es viele Ursachen geben. Eine davon könnte der Wunsch deiner Urmutter sein. Sie konnte zwar nicht zu dir sagen: „Bekomme bitte keine Kinder.“ Denn für die Menschheit gibt es auch ökonomische Gründe, warum Kinder wichtig sind und immer nachkommen. Möglicherweise war es ihr unausgesprochener Wunsch, dass du deine Ahninnen von ihrem Schmerz befreist, indem du ihn nicht an die neue Generation „vererbst“.
Es gibt bestimmt Frauen, die bewusst entschieden haben: „Das, was ich durch meine Mutterlinie in mir trage – zum Beispiel eine vererbbare Erkrankung – möchte ich nicht weitergeben.“ Doch dieses Handeln kann auch unbewusst geschehen: Manche merken gar nicht, dass sie „Brocken aus dem Weg räumen“, von denen auch Mütter, Schwestern oder Nichten profitieren.
Die Letzten einer Mutterlinie handeln also, ob bewusst oder unbewusst, im Sinne ihrer Ahninnen und tragen so zur Heilung der Frauenlinie bei.
Was ist an der Mutterlinie so besonders?
Beim Begriff „Mutterlinie“ geht es nicht um ein festes spirituelles Konzept, sondern um handfeste Biologie: Die mitochondriale DNA wird überwiegend über die weibliche Abstammungslinie vererbt und bildet eine konstante Verbindung zwischen den Generationen. Stell dir vor: Die Eizelle, aus der du entstanden bist, war bereits im Embryo deiner Mutter vorhanden – so ist ein Teil deiner Großmutter auch in dir präsent.
Wahrscheinlich enthält das Zellplasma viele unbewusste „Beweggründe“, die Mütter an ihre Töchter weitergeben: Talente, Träume, Sehnsüchte, Wissen, Leid und Trauer – also eine Vielzahl an Informationen. Auf diese Weise stehen Frauen mit den Motiven der Mutter, der Großmutter und möglicherweise aller vorhergehenden Mütter in Verbindung.
Welchen Status haben kinderlose Frauen – also diejenigen, mit denen die Mutterlinie endet – in der weiblichen Ahnenreihe?
Nicht, was du tust oder hast, ist wichtig, sondern wer du bist.
– Anneke Wittermans –
Bleibt eine Frau – ob gewollt oder ungewollt – kinderlos, findet das Weiterreichen mancher Prägungen nicht mehr statt: Dazu gehören neben Talenten und Gaben auch schmerzhafte Erfahrungen und alte Verhaltensmuster. Bildlich stehen diese Frauen, als Letzte einer weiblichen Linie, in der Brandung dessen, was über das „Wasser“ weitergetragen wurde. Da sie diese Informationen nicht an eigene Töchter weitergeben, können sie sie auf ihre Art und Weise verarbeiten — oft mit einem besonderen Gespür und tiefem Wissen.
So fühlen sich diejenigen, die am Ende einer Mutterlinie stehen, ihren Vorfahrinnen oft sehr verbunden und begegnen ihnen mit großer Achtung. Sie glauben, dass ihre Ahninnen Frieden finden können, wenn nachfolgende Frauen sie würdigen, sich an sie erinnern und ihr Leben ehren. Auf diese Weise können kinderlose Frauen rückwirkend Versöhnung und Heilung in die Ahnenreihe bringen.
Meiner Ansicht nach verdient dieser besondere Status Anerkennung. Diese Frauen haben eine Bestimmung, die über das Thema „Weibliche Ahnenreihe heilen“ hinausgeht. Deshalb habe ich ihnen mein Buch „Ode an die Letzte der weiblichen Linie“ gewidmet.
Was möchtest du mit deinem Buch erreichen?
Wenn keine Kinder kommen, suchen viele Frauen nach sinnstiftenden Tätigkeiten oder Projekten. Als Pionierinnen erschließen sie neue Formen gemeinschaftlichen Lebens – etwa Hospize oder Waldgärten – oder setzen sich bewusst mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander. Sie sehen ihre Arbeit oft nicht als besonders an; mein Ziel ist es, dies zu ändern und auf den einzigartigen Status dieser Frauen aufmerksam zu machen.
Außerdem: Wenn kinderlose Frauen gefragt werden, warum sie keine Kinder haben, ist das oft konfrontativ und schmerzhaft. Beide – Befragte wie Fragende – wissen nicht immer, wie sie damit umgehen sollen. Mein Buch soll diesen Frauen Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie ihr eigenes Wertkapital aufbauen und stärken sowie ihre besondere Position frei und bewusst einnehmen können. Es zeigt zudem Motivationen und komplexe Lebenssituationen anderer kinderlosen Frauen und macht deutlich, wie sehr Letzte der weiblichen Ahnenlinie wachsen und ihren Beitrag leisten können.
Vom Ehrenamt, die Kraft des weiblichen Stammbaums auf eine besondere Weise weiterzugeben
Als Letzte deiner Mutterlinie leistest du einen besonderen Beitrag: Du bist eine Befreierin.
– Anneke Wittermans –
Welche außergewöhnlichen Aufgaben erwarten mich als Frau, mit der eine Mutterlinie endet?
Es ist eine große Aufgabe, die du übernehmen kannst — vorausgesetzt, du findest einen Weg aus dem Urschmerz in deine eigene Kraft. Vielleicht fühlst du dich berufen, innerlich aufzuräumen, deinen weiblichen Stammbaum zu reinigen und neu zu kodieren. Möglicherweise möchtest du ausdrücken, was sich über Generationen in der mütterlichen Linie aufgebaut und verfeinert hat.
Symbolisch gesehen: Alle Ahninnen vor dir haben am selben Stickbild gearbeitet – und du setzt den letzten Stich. Dafür benötigst du den inneren Wunsch, diesen Abschlussstich schön zu machen, vielleicht sogar besonders schön. Dein Leben ist ein fortwährendes Feilen an diesem Muster: Du vollendest das Stickbild — authentisch und originell.
Für dieses „Ehrenamt“ bekommst du Zeit und Raum, deine Talente zu entfalten und Sehnsüchte zu verwirklichen, die auch die deiner Ahninnen gewesen sein könnten. So gibst du die Kraft deines weiblichen Stammbaums bewusst weiter — nicht über dein Wasser, sondern über dein Licht: durch dein Sein und deine Ausstrahlung.
Mit dieser Aufgabe kann dein Leben als die Letzte der Frauenlinie eine neue Bedeutung bekommen. Denn du trägst besondere Qualitäten in dir, die du in deine Ahninnen-Reihe hineinstickst.
Welche Qualitäten wirken in der letzten Frau der weiblichen Ahnenlinie?
Um nur einige Eigenschaften, die diese Frauen verkörpern, zu nennen: Intelligenz, Purismus, Ausstrahlung, Inspiration, Femme fatale … Bekannte Namen sind etwa Frida Kahlo oder Hannah Arendt, die auf unterschiedliche Weise Licht in die Welt brachten – und dies weiterhin tun.
Ich kenne viele solche Frauen: Sie versuchen, auf vielen Gebieten von Bedeutung zu sein, und bauen dabei ein Würdekapital für sich selbst auf. Sie gelten als Vorbilder in dieser Hinsicht; sie sind wie Pioniere, die den Weg der sanften Weiblichkeit für andere Frauen ebnen. Sie zeigen, was alles möglich ist, und gehen ganz vorn, auch wenn sie am Ende ihrer Linie wandeln.
Das fühlt sich für mich nach einer großen Verantwortung an: Was ist, wenn ich nicht alles verwirklichen kann?
Die Letzte der weiblichen Ahnen zu sein, ist ein Vorrecht!
– Anneke Wittermans –
Das ist nicht deine Aufgabe, alle Wünsche und Sehnsüchte deiner Vormütter zu erfüllen; das wäre zu viel verlangt. Aus dem vormütterlichen Strom solltest du nur das verwirklichen, was zu dir passt und für dein Leben stimmig ist.
Vielleicht hilft es dir, zu wissen: Du stehst mit diesem Thema nicht allein. Auch wenn du die Letzte deiner Linie bist, musst du nicht alles allein tun: Netzwerke und Verbindungen mit anderen Frauen in ähnlicher Lage können eine wichtige Kraftquelle sein. Hilfreich ist zudem ein neues Bewusstsein für deine einzigartige, authentische und versöhnende Rolle als die letzte Ahnin.
Was gehört zu diesem Prozess noch dazu?
Gnade. Versöhne dich mit dir selbst und mit den Müttern vor dir – auch mit dem, was nicht hätte geschehen dürfen, aber dennoch geschehen ist.
Wichtig ist auch zu verstehen, dass sich unser Blick oft grundlegend verändern kann, wenn wir die Geschichten unserer Ahnen neu betrachten. Sobald wir bereit sind, sie mit anderen Augen zu sehen, fügen sich die einzelnen Puzzleteile neu zusammen. So entsteht ein anderes, stimmigeres Bild der Frauen vor uns – und zugleich ein tieferes Verständnis für unsere eigene Situation.
Als Letzte meiner Ahninnen frage ich mich zum Schluss: Endet mit mir die Frauenlinie – oder beginnt da etwas Neues?
Was mit dir endet, ist dein Körper. Dein Geist und deine Seele sind unendlich. Was mit dir beginnt, kann eine neue Ära sein. Denn wir als Menschheit befinden uns gerade an einer Schwelle zur neuen Zeit, die es dringend braucht. Darum müssen wir alle das Beste von uns befreien.
Als Letzte deiner Mutterlinie leistest du dabei einen besonderen Beitrag: Du bist eine Befreierin. Wenn du es so willst, ist die Rolle der Letzten der weiblichen Ahnen ein Vorrecht – und eine Ehrenmission. Du bist eine tapfere Frau, weil du die Courage mitbringst, dir dieser Aufgabe anzunehmen.
Was ist deine Botschaft an kinderlose Frauen – die Letzten ihrer Frauenlinie?
Wisse: Du bist ein Geschenk. Dafür danke ich dir!
Danke für das inspirierende Interview, liebe Anneke!
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