Geschichte zum Nachdenken

Wir kommen allein auf die Welt. Und wir gehen allein. Die Zeit zwischen der Geburt und dem Tod ist dafür da, die Verbundenheit zu leben. Denn sie allein gibt uns die Kraft, das Ego zu besiegen.

Zu dieser Geschichte über die ungeahnte Kraft der Verbundenheit hat mich das aufwühlende, trübende und klärende, trennende und unaufhaltsam verbindende Corona-Jahr 2020 inspiriert.

Schneller! Höher! Weiter! Bis in den Himmel hinein. Nun stand Boris da, an der Spitze seiner Pyramide, die er eigenhändig aus Stein, Sand – und unzähligen zerbrochenen Träumen erbaute. Und aus Trümmern liebevoller Beziehungen und Scherben verlorener Freundschaften. „Du hast es geschafft!“, jubelte sein Ehrgeiz. Doch sein Herz war erfüllt von zehrender Sehnsucht danach, was er hinter sich gelassen hatte: die Verbundenheit mit allen und allem. Der Zweifel in seinem Kopf wurde immer lauter: „Fühlt sich so das Glück an, das dir der gesichtslose Mann versprach?“   

Boris blickte in den weiten Himmel, der ihm früher, als er noch mit anderen Kindern im Sandkasten spielte, so nah zu sein schien. Nun spürte er die unerreichbare blaue Tiefe des Universums. So tief, dass keine Pyramide der Welt in sie hineinwachsen kann – zumindest keine, die ein Mensch je errichten würde. Er schaute um sich herum: Niemand war da, der ihn in dieser luftigen Höhe begrüßen, ihm einen Lorbeerkranz für sein Meisterwerk überreichen wollte. Denn er war mutterseelenallein.

Allein die Stille existierte hier oben. Die Stille, die ihm, dem Vorzeige-Pyramidenbauer Boris, so viel zu erzählen hatte. Und sie zögerte nicht, mit ihrer Geschichte über den Kampf der Verbundenheit gegen die Macht des Egos zu starten.

Plötzlich erinnerte sich Boris daran, wie alles begann, als dem gesichtslosen Mann begegnete …

Ist der Grundstein für das Ego gelegt, schwindet Verbundenheit dahin

Als Boris ein kleiner Junge war, tobte er mit anderen kleinen Jungen und Mädchen unbekümmert im Hof herum. Gemeinsam bauten die Kinder Schlösser aus Sand, vergruben Schätze in der Erde und entdeckten mutig die Welt außerhalb ihres Hofes. Immer zusammen. Hand in Hand liefen sie durch die grünen Wiesen, spielten Verstecken in schattigen Wäldern und halfen sich aus jedem Schlamassel. Diese natürliche, unbestechliche Verbundenheit war so vertraut, dass es Boris damals warm ums Herz war. Denn er wusste: Er war nicht allein.

Die Freunde schienen unzertrennlich. Doch eines Tages tauchte in der Nähe des Spielplatzes ein gesichtsloser Mann auf. Er setzte sich auf eine Bank – und beobachtete aus dem grauen Schatten die spielenden Kinder. Ihm fiel auf, dass Boris im Umgang mit Sand und Steinen besonders geschickt war: Seine Bauten stürzten nicht zusammen wie die seiner Spielkameraden. Auch fand er immer passende Steine, die er felsenfest aufeinanderstapelte. Als Boris einem goldhaarigen Mädchen neben ihm beim Burgbauen helfen wollte, trat der Mann ohne Gesicht aus dem Zwielicht hervor und sprach zu ihm:

Wie wäre es, wenn du dich von anderen nicht aufhalten lässt, sondern ungestört deine Pyramide weiterbaust? Du bist nämlich viel begabter als die anderen Kinder. Du kannst deine Pyramide schnell so hochziehen, dass du als erster den Himmel erreichst!

Boris schaute in die blaue Höhe hinauf. Über seinem Kopf schwebten bizarr geformte Schäffchen-Wolken vorbei. Ganz leise meldete sich eine unbekannte Stimme in seinem Ohr:

Du könntest die höchste Pyramide der Welt bauen und diese Schäfchen im Himmel zähmen. Dann kannst du mit ihnen spielen. Und andere Kinder würden dich darum beneiden. Du könntest …

In diesem Moment legte der gesichtslose Mann den Grundstein für Boris‘ Pyramide und gab ihm einen kleinen Stein mit auf den Weg, in den folgende Worte gemeißelt wurden:

Wann immer dich der Zweifel aufsucht, ob du auf dem richtigen Weg bist, lies es laut vor. Und jeder Zweifel wird weichen.

Auf dem Stein standen drei Sätze:

Du bist der Beste. Du und ich – wir schaffen das! Dein Ego.

Wer seine Mauern hochzieht, darf sich nicht über die Einsamkeit wundern

Tag für Tag kam Boris zum Spielplatz zurück, um mit viel Fleiß und Eifer an seiner Pyramide zu bauen. Auch andere Kinder errichteten ihre schiefen Burgen und wackeligen Sandschlösser. Diese fielen zwar immer wieder zusammen. Doch gemeinsam zogen sie sie lachend wieder hoch. Sie halfen auch Boris, den einen oder anderen Stein zu legen, auch wenn sie nicht so geschickt wie Boris zu sein schienen.

An einem grauen Tag kam Boris früher als andere zur „Baustelle“ und legte eine robuste Mauer um seine Pyramide. „So ist sie vor neidvollen Blicken geschützt“, zischte die immer vertrauter werdende Ehrgeiz-Stimme in sein Ohr. Und der Gedanke, er sei der Beste, breitete sich wie ein wohliger Schleier in seinem Kopf aus. Ebenso wie die Vorstellung, er brauche seine Freunde nicht mehr; denn da oben warten ja schon seine Schäfchen auf ihn.

Da in der Nähe des Spielplatzes bald keine Bausteine mehr zu finden waren, musste Boris auf der Suche nach ihnen immer weitere Wege zurücklegen. Für seine Freunde hatte er immer weniger Zeit übrig. Je höher seine Pyramide wuchs, desto schmäler liefen ihre Wände zusammen. Eines Tages musste auch sein bester Freund, der Boris gerne beim Bauen half, von der halbfertigen Pyramide hinunterklettern. Weil für ihn kein Platz mehr war.

Mit jeder neuen Reihe ging es schneller und schneller nach oben. Bald sah Boris seine Freunde nur noch in Ameisen-Größe. Dafür wurden die ihm in Kürze gehörenden Schäffchen immer größer – und sie schienen immer näher.

Ab und an kroch ein grauer Zweifel in seine Gedankenwelt hinein. Boris vermisste seine Kumpels und die unbändige Lebensfreude, die ihm die Verbundenheit mit ihnen einst schenkte. Und auch das Mädchen mit dem goldenen Haar, das er heimlich bewunderte. Aus der Pyramidenhöhe sah er unten zwar immer wieder einen Goldfunken aufblitzen. Doch die lieblichen Gesichtszüge des Mädchens konnte er nicht mehr erkennen. Was für Boris noch unerträglicher war: Er konnte sich an diese gar nicht mehr erinnern.

In solchen gefühlt ewig weilenden Momenten der Einsamkeit holte er aus seiner Hosentasche den Stein hervor und las die drei „magischen“ Sätze. Dabei schaute er hoffnungsvoll zu den immer näher scheinenden Schäfchen und baute selbst- und zeitvergessen weiter. Sodass er nicht einmal merkte, dass je höher er aufstieg, desto kälter die Luft, karger die Aussicht und geräuschloser die Umgebung wurden. Dafür meldete sich umso lauter der Zweifel. Und dieser kam mittlerweile in regelmäßigen Abständen.

Boris war nun fast ganz oben. Zwar hatte er von hier aus einen endlosen Fernblick. Doch er konnte keine bekannten Konturen mehr erkennen, keine vertrauten Stimmen hören – und auch seine anfängliche Euphorie nicht mehr spüren. Es war kalt um ihn herum. 

Die Macht des Egos macht die Verbundenheit ohnmächtig

Es war vollbracht! Viele einsame Augenblicke später stand Boris nun da, wo sein Ego ihn hintrieb: hoch im Himmel, auf der Spitze seiner Pyramide. Bequem war das nicht. Denn auf den Pyramiden-Schlussstein passten gerade noch seine beiden Füße, und jede ungeschickte Bewegung konnte ihn zum Absturz bringen. Zwar waren seine Schäfchen-Wolken nun zum Greifen nah. Doch greifen konnte er sie nicht: Sie flossen zwischen seinen Fingern hindurch – wie ein Traum, der mit dem Morgengrauen immer schleierhafter wird, bis er ganz schwindet. Als sich die letzten Schäfchen auflösten, offenbarte sich dem enttäuschten Blick von Boris die grenzenlose blaue Tiefe des Himmels, die nun noch unerreichbarer schien als von unten.

Ein allerletztes Mal holte er den Stein heraus und hoffte, dass sich sein mittlerweile schmerzhafter Zweifel wie diese Wolken auflöst. „Deine Pyramide ist höher als die der anderen!“, versuchte das Ego sein Glück. Boris strengte sich an und erkannte nun, dass er hier oben doch nicht allein war. Auch andere Jungen mussten wohl dem gesichtslosen Mann begegnet sein. Sie alle standen auf den Spitzen ihrer Pyramiden: stolz auf ihre Leistung, einsam in ihrer Seele.

Zwar waren die Grundsteine ihrer Bauten unten nah aneinander gebaut. Doch hier oben angekommen konnten sie sich kaum sehen – so weit auseinander befanden sich die Pyramidenspitzen. Allesamt standen die Fremden nun da, in ihren Spitzenpositionen. Doch konnten sie keine Verbundenheit spüren – und auch bei aller Mühe keine aufbauen. Denn zwischen ihnen war die unüberwindbare Distanz: die ihrer Egos. Und diese Entfernung war so groß, dass sie nicht mal miteinander redeten. Entweder weil sie sich nicht hören oder sich nicht verstehen konnten.

Die Verbundenheit entsteht, wenn die Mauer des Egos fällt und sich das Herz für Allliebe öffnet

Boris‘ einst rosige Euphorie ergraute. Beschämt verstummte sein Ego. In der Stille hörte er plötzlich sein Herz sprechen. Dieses ähnelte unbegreiflicherweise der Stimme des goldhaarigen Mädchens. Es war vor allem ihr Lachen, das wie tausend feine silberne Glöckchen klang und wonach sich Boris so sehr sehnte. Er erinnerte sich! Auch an das kraftgebende Gefühl der Verbundenheit mit seinen Freunden: das wohlige Zugehörigkeitsgefühl. Daran, wie erfüllend das war, gemeinsam zu lachen und sich gemeinsam zu langweilen – oder einfach füreinander da zu sein. Sehnsuchtsvoll blickte Boris hinunter, hoffend, einen goldenen Funken zu sehen, das Echo einer vertrauten Stimme zu erahnen …

Als seine Verzweiflung am größten und die Hoffnung beinahe verloren waren, meldete sich aus der grenzenlosen blauen Höhe eine neue, jedoch für Boris vertraut klingende Stimme zu Wort:

Zeit, Steine zu werfen, und Zeit, Steine zu sammeln …

Zwar wusste Boris nicht genau, was das bedeutet. Doch in sein Herz zog sofort die Gewissheit ein: Es war Zeit für ihn, die Pyramide zu zerstören. So legte er den Stein des gesichtslosen Mannes weg und fing an, die Mauern abzubauen.

Je mehr er sich der Erde näherte, desto wärmer wurde es um sein Herz und um ihn herum. Er hörte wieder Vögel singen und seine Freunde lachen, sah Bäume wachsen – und spürte die tiefste Dankbarkeit für die immer größer werdende Hoffnung. Die Hoffnung auf die gute alte Verbundenheit. Am Boden angekommen schaute er ein letztes Mal zu den Schäfchen-Wolken hoch, die unaufhaltsam vorbeizogen. Womöglich wartete ein anderer Junge darauf, im blinden Ehrgeiz, vom Ego getrieben nach ihnen greifen zu können, um seine eigene Geschichte über Verbundenheit zu schreiben. Boris hatte daran kein Interesse mehr: Auf ihn warteten nämlich seine Freunde. Mit ihnen teilte er von nun an nicht nur seine Steine, sondern auch seine Erfahrungen als Vorzeige-Pyramidenbauer Boris.