Fabel vom Wolf im Schafsfell – eine neue Perspektive

Hat der Wolf im Schafsfell immer böse Absichten? Weiß er überhaupt, dass er sich zu einer „falschen“ Herde gesellt hat? Eine Fabel vom Wolf, den sein Zugehörigkeitsgefühl das Schafsfell tragen ließ – bis dieser eines Tages zu unbequem wurde.

Wenn dich jemand wie ein Schaf behandelt und es dir nicht guttut, schaue nach innen. Vielleicht steckt ein Wolf in dir, dem du ein Schafsfell drüber geworfen hast.

Gesellschaftssatire über das zwanghafte Zugehörigkeitsgefühl und seine lehrreichen Folgen – der Prolog

Fabel vom Wolf im Schafsfell, mal anders erzählt
Möchtest du um jeden Preis einer Gruppe dazugehören oder steckt ein Schafsrebell – oder sogar ein Wolf in dir?

Zu dieser Geschichte für Erwachsene hat mich eine Szene inspiriert, die ich in meinem Montenegro-Urlaub auf einem Bauernhof beobachtete. Dabei musste eine Schafsherde für den Schlachthof-Transport verladen werden. Ein rebellisches Schaf (es war nicht einmal ein schwarzes!) wollte sich nicht fangen lassen. Während andere blökend auf die Ladefläche eines Traktors getrieben wurden, rannte der Ausbrecher umher und trieb den Schäfer samt Schäferhund in den Wahnsinn. Dabei hielt sich der Rebell jedoch immer in der Nähe der Herde auf, wohl seinem starken Zugehörigkeitsgefühl zuliebe

Die Gute Nachricht: Diese Geschichte hatte ein Happy End. Und wie endet deine persönliche Geschichte vom Wolf im Schafsfell? Ziehst du womöglich jeden Morgen ein fremdes Fell an, weil du um jeden Preis zu einer Gruppe dazugehören willst?

Fabel vom Zugehörigkeitsgefühl und vom Wolf im Schafsfell – die Protagonisten

In dieser Fabel vom Wolf, der sein halbes Leben unwissend das Schafsfell trug, treten folgende Protagonisten auf:

      • Zugehörigkeitsgefühl: Das (überaus begründete) Bedürfnis eines jeden, innerhalb einer klar definierten Gruppe als Mitglied akzeptiert zu werden, zu dieser Gruppe dazuzugehören.
      • Schafe: Ein Schaf gehört zu einer homogenen Gruppe dazu. Es trägt dieselbe Schur und Fellfarbe wie seine Gesellen, mit denen es ein recht bequemes, wohliges Zusammenleben führt. An kalten Tagen kuschelt es sich an seine Stallnachbarn, grast mit ihnen auf immer gleich schmeckenden Wiesen und lässt sich brav herumtreiben. Und doch ist sein Leben von Zeit zu Zeit von Angst geprägt: der Angst vor dem Schäferhund – sowie vorm „bösen“ Wolf aus dem Walde. Außerdem ahnt ein Schaf nicht, dass sein Leben irgendwann auf dem Schlachthof endet.
      • Wolf (im Schafsfell): Ein Wolf gehört in ein Wolfsrudel, ist jedoch vor allem in seinen jungen Jahren auch mal ein Einzelgänger. Er sieht, riecht und hört außergewöhnlich gut und ist ein talentierter Beobachter. Treu und zuverlässig benötigt ein Wolf jedoch seinen persönlichen Freiraum. Fühlt er sich eingeengt, ergreift er die Flucht.
      • Schäferhund: Ein Schäferhund lebt im Großen und Ganzen komfortabel. Er bekommt eine warme Bude und genug Futter vom Schäfer – dafür muss er lediglich seine Befehle ausführen. Drei Mankos seiner gesellschaftlichen Rolle: Zeigt er sich ungehorsam oder eigenwillig, wird er vom Boss getreten. Zudem wird er von Schafen gehasst und muss im Notfall gegen einen Wolf kämpfen.
      • Bauer: The big boss – damit ist wohl alles gesagt 😉 .

Neue Perspektive auf das Thema „Zugehörigkeitsgefühl“ und den Wolf im Schafsfell – die Fabel

Es war einmal eine Schafsherde. Sie gehörte einem Bauern, dem lediglich ein treuer Schäferhund zur Seite stand. Zwar kannte der Bauer jedes einzelne Schaf beim Namen. Doch ihre Eigenarten interessierten ihn nicht: Hauptsache sie gehorchen und blöken dann, wenn er es von ihnen erwartet. Als Belohnung für ihren Gehorsam kümmerte er sich recht gut um sie.

Im Winter bekamen die Schafe ein so herrlich nach Sommer duftendes Stroh. Im Sommer grasten sie auf der Wiese direkt vorm Bauernhof. Damit der Bauer sie immer im Blick hat und der Schäferhund keine weiten Wege zurücklegen muss. Regelmäßig wurden sie über einen Kamm geschoren: immer mit derselben Leidenschaft – bis zum letzten Gramm Wolle, die der Bauer teuer an einen Fabrikanten verkaufte.

Und, wie es oft so ist, galt auch in seinem Stall: „gleich und gleicher“. Der Bauer hatte nämlich ein paar Lieblingsschafe, die nur selten unaufgefordert blökten und besonders fügsam waren. Dafür bekamen sie immer mal wieder eine Extraportion Stroh oder einen besonders saftigen Wiesenfleck zum Grasen.

Doch der Bauer hatte auch ein unliebsames Schafsexemplar. Das störrische Tier brach immer wieder aus dem Gehege aus und graste am liebsten auf der wilden Seite des Zauns. Durch das unbefugte Herumtreiben in der freien Natur färbte sich das Fell dieses ungeliebten Schafes etwas dunkler, wodurch es dem Bauerschäfer in der Masse immer schnell negativ auffiel. Doch sich dieses Ausreißers zu entledigen wollte der Schafchef nicht. Seine Wolle war nämlich so schön ergiebig – auch wenn sie andersfarbig als die seiner Sippe war und der Rebell sich nur ungern zu kurz scheren ließ.

Von seinen Kollegen wurde der Schafsrebell zwar mit Respekt, aber auch mit einer guten Portion Vorsicht behandelt. So richtig wollten sie ihn nicht in die Herde aufnehmen: Zu oft sorgte er für Unruhe im Stall. Denn bei jedem seiner Ausbrüche machte der Bauer den Schäferhund scharf, ließ ihn los, um den Störenfried wieder ins Gehege hineinzutreiben – und zur Sicherheit auch seine pelzigen Gesellen einzuschüchtern. Dabei bellte der gehorsame Aufseher so laut, dass die kleinen Schafköpfe zu explodieren drohten. In solchen Momenten klappten sie ihre Schlappohren noch fester zu und wünschten sich ein Wölkchen Klimawolle, um das zersägende Gebelle einzudämmen.

Immer mal wieder schlich sich in die sonst recht gedankenfreie Schädel der Bravschafe die Frage:

„Warum haut der Rebell nicht endlich ganz ab?“

Dieselbe Frage stellte sich das störrische Schaf ebenfalls – jedoch vergebens. Zwar hatte es in der Tat viele Chancen, in die Freiheit zu fliehen. Doch er traute sich nicht, seine Sippe zu verlassen. Schlussendlich gab sie ihm ein Gefühl, dazuzugehören, auch wenn nur ein ganz schwaches. Deshalb hielt sich der Rebell immer in der Nähe der Herde auf. Und immer mal wieder leistete er seinem aufdringlichen Zugehörigkeitsgefühl genüge und blökte unisono mit den anderen, um den Bauer zu besänftigen.

Doch von Tag zu Tag fragte sich das auffällige Schaf immer häufiger, was mit ihm wohl nicht stimmen könnte und warum er so anders als andere zu sein schien …

Verirrter Wolf kommt aus dem im Schafsfell zum Vorschein – das Schlüsselereignis

Schaf oder Wolf - wer bist du wirklich?
Manchmal macht uns unser Zugehörigkeitsgefühl zu Schafen, auch wenn wir in unserem Inneren Wölfe sind; © Mark Fletcher Brown / unsplash

Eines Tages, als der lange Winter endlich vorüber war, graste die ganze Herde genüsslich im Freien – sofern ein eingezäuntes Gehege als Freiheit bezeichnet werden darf. Der Schäferhund döste, satt und winterlich träge, auf einem sonnigen Eckplatz in der Frühlingswärme. Nichts schien die Ruhe dieser gediegenen, wohligen Atmosphäre zu bedrohen. Doch dann passierte etwas, womit kein Schaf gerechnet hätte.  

Um seine Schäfchen wieder in Schwung zu bringen, befahl der Bauer ihnen, in der recht heißen Mittagssonne im Kreis zu laufen. Zwar konnte keines der Schafe den Sinn dieser Aktion verstehen. Doch sie hinterfragten es auch nicht, stellten sich gehorsam auf und kreisten schlapp und lustlos umher – alle bis auf den störrischen Pelzgesellen. Dieser bockte herum und wollte einfach nur das frische Gras weiterfuttern. Da der Bauer seinen stillen Aufstand nicht zulassen konnte, befahl er der Herde, den Rebellen einzukesseln.

Nun stand der Eigenbrötler verloren und verängstigt mitten im blökenden Kreis, umzingelt von seiner Sippe, die völlig apathisch, aber brav um ihn herum Kreise zog. Der Schäferhund nahm auch schon seine Kampfstellung ein und wartete nur auf den Pfiff des Bauern. Die Sonne stach gnadenlos herunter. Der umringte Rebell fühlte sich in seinem winterlich langen und dichten graumelierten Fell immer unwohler: Die Haut drunter juckte und zwickte; der Pelz fühlte sich definitiv zu eng an. Für einen Moment kniff er seine gelbgrünen Augen zusammen und war nun auf alles gefasst. Doch es folgten weder der tödliche Biss noch Prügel.

So verging für den widerwilligen Friedenstörer gefühlt eine ganze Ewigkeit. Geplagt von der Mittagshitze und äußerst gelangweilt träumte er sich in ein ruhiges, schattiges Plätzchen, umgeben von den aufregenden Geräuschen und Gerüchen des Waldes. In seiner lebhaften Fantasie hörte er frühlingshafte Wasserläufe rauschen: Er würde alles dafür geben, seine Pfoten im Wiesenbach abzukühlen und seinen Durst zu löschen …

„Moment mal, welche Pfoten? Da habe ich wohl einen Sonnenstich bekommen“, dachte sich der einsame Rebell, riss seine Augen auf und blickte hinunter. Zum ersten Mal sah er, dass seine Füße mehr den Wolfspfoten ähnelten als den Hufen seiner Schafskollegen, zu denen er bis dato unbedingt dazugehören wollte.

Aufstand gegen das Zugehörigkeitsgefühl und Ausbruch in die Freiheit

Findest du bei deiner achtsamen Innenschau einen Wolf in dir, lernst du deinen Selbstwert kennen, den dein Schäfer womöglich nicht akzeptiert.

In den nächsten Tagen und Wochen beobachtete sich das Freigeist-Schaf etwas genauer und wurde seines Selbst immer bewusster: Er hatte nämlich noch andere Merkmale, die ihn deutlich von seiner Sippe unterschieden. Immer wieder flüsterte ihm sein aufmüpfiges Zugehörigkeitsgefühl zu:

„Das bildest du dir ein, dass du anders bist. Im Großen und Ganzen bist du doch happy, beim strengen Bauer und seinen Schafen zu sein. Hier hast du deine Sicherheiten und auch deine Routinen – und weißt, was du am Ende des Tages erlebt hast.“

Doch diese Perspektiven beeindruckten den Rebell nicht mehr so stark wie früher. Etwas wuchs in ihm heran, was viel stärker war als sein stures Zugehörigkeitsgefühl. Hinzu kam noch, dass sein Fell immer dunkler und widerborstiger wurde. Er fürchtete, dass das dem Bauer auf lange Sicht nicht passen würde – und ihn wohl eher ein One Way Ticket zum Schlachthof statt eines langen Lebens im Gehege erwartete. Deshalb wurde der Gedanke an seine Flucht immer lauter.

Und eine nächste Gelegenheit ließ nicht allzu lang auf sich warten. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion streifte der Rebell die lästigen Überschüsse seiner Schafswolle am rauen Zaun ab und fühlte sich plötzlich erleichtert. Er packte seine drei Sachen und folgte einem seltsamen Ruf, der aus dem Walde ertönte und so viel Sehnsucht im Herzen des Ausbrechers erweckte. Wie er später feststellte, gehörte dieser Ruf einem Wolfsrudel, das sich seit einiger Zeit im Dickicht nahe des Bauernhofs herumtrieb.

Vom Schaf zum Wolf: Die wundersame Verwandlung

Es ist oft heilsam, voller Mut und Vertrauen eine Reise ins Unbekannte zu starten – um vollends bei sich selbst anzukommen.

So stürzte sich der Rebell im Geiste ins Abenteuer namens Freiheit, ohne zu überlegen, ob er von den Wölfen gerissen werden würde. Von nun an folgte er seinen Instinkten, nicht den Befehlen des Schäfers. Er lief immer der Nase nach – und nicht der Herde hinterher – ein paar Tage, Wochen oder Monate alleine durch den wunderschönen Wald; entdeckte sich selbst und seine Talente immer mehr sowie viele neue Eigenschaften, die viel zu lange unter seinem Schafsfell zu schlafen schienen.

Durch das Lauftraining entwickelten sich seine Beine zu wohlgeformten, starken Pfoten. Damit ließ sich das restliche, viel zu enge Schafsmäntelchen so wunderbar leicht herunterkämmen – bis ein herrlich robustes Wolfsfell zum Vorschein kam. Auch all seine Sinne und Instinkte waren mittlerweile perfekt geschärft. Es fehlte dem aufständischen Tier an nichts – na ja, fast an nichts … Denn eines Tages meldete sich sein Zugehörigkeitsgefühl wieder:

„Jetzt, wo du weißt, wer du wirklich bist, ist es an der Zeit, dich zu DEINER Sippe zu gesellen!“

An diesen Worten war etwas Wahres dran. Denn der „neugeborene“ Wolf genoss zwar seine Unabhängigkeit. Doch er fühlte ganz tief in seinem feurigen Herzen, dass er nun gerne der Gemeinschaft dienen möchte. Intuitiv wusste er, dass sich in dieser Verbundenheit mit Gleichgesinnten seine wahre Kraft erst recht entfalten würde.

Um dem immer lauter werdenden Zugehörigkeitsgefühl Tribut zu zollen, suchte der Rebell, der nun seinen Seelenfrieden gefunden hatte, schon bald das Wolfsrudel auf. Da er nicht mehr riskieren wollte, der „falschen“ Gruppe dazuzugehören, beobachtete er das Rudel eine Zeit lang vom nahegelegenen Hügel. Es gefiel ihm, wie die Wölfe untertags gemeinsam im Schatten des Waldes relaxten und nachts im Mondlicht jagten; wie sie sich selbstlos um den Nachwuchs kümmerten und die Rudelältesten respektvoll verabschiedeten, als diese über die Regenbogenbrücke gehen mussten.

Er liebte es, dass jeder seinen Platz einnehmen durfte, seinem Charakter und seinen Talenten entsprechend. Und dass der Anführer keine sinnlosen Aktionen befahl, sondern das gesamte Geschehen im Wolfslager stets von Sinnhaftigkeit geprägt war.

Als der Einzelgänger keine Zweifel mehr hatte, dass es SEINE Sippe war, verließ er entschlossen sein Versteck und machte sich beim Rudel vorstellig. Offen und ehrlich erzählte er seinen Wolfsbrüdern und -schwestern seine Geschichte vom „Wolf im Schafsfell“, berichtete von seiner einsamen Lehrzeit im Wald und schilderte seine Visionen, die er gerne in seiner neuen Gemeinschaft verwirklichen möchte. So wurde der frischgebackene Wolf im Rudel aufgenommen, um neue Erfahrungen zu machen, umgeben von Gleichgesinnten – und ganz im Einklang mit seinem Naturell

Damit wurde nicht nur seine Seele, sondern auch sein Zugehörigkeitsgefühl voll und ganz zufriedengestellt. Und der Wolf lebte sein wahres ICH, erfüllt und glücklich, bis ans Ende seiner Tage – die letzten davon sogar als angesehener Häuptling, der dem Nachwuchs am besten beibringen konnte, wie sie die richtige Sippe erschnüffeln können.

Fühlst du dich ein Wolfsrudel oder einer Schafsherde dazugehörig?
Wenn du dich als Wolf fühlst, dann solltest du dein Wolfsrudel suchen, statt deine Zeit in einer Schafsherde verstreichen zu lassen :-)! © Thomas Bonometti / unsplash

Fabel vom Wolf im Schafsfell und der zwanghaften Seite des Zugehörigkeitsgefühls – die Moral

Wir alle wollen zu einer Gruppe dazugehören. Daran ist zweifelsohne nichts verwerflich. Ganz im Gegenteil: Als Teil einer Gemeinschaft entwickeln wir uns permanent weiter und wachsen.

Doch leider schließen wir uns manchmal der „ersten besten“ Sippe an. Und die zwanghafte Seite unseres Zugehörigkeitsgefühls lässt uns daran festhalten, koste es, was es wolle … Weil wir uns selbst und den eigenen Selbstwert nicht kennen, Angst vorm Alleinsein haben oder bestimmte gesellschaftliche, kulturelle und erzieherische Abdrücke in uns tragen.

Die gute Nachricht: Wer mit seinen Gefühlen und der Intuition achtsam umgeht, wird eines Tages erkennen, dass er der „Wolf im Schafsfell“ ist – ob im Job, in einer Beziehung oder der Gesellschaft. Wenn es soweit ist, hat er seine „Hausaufgaben“ gemacht und darf voller Mut und Zuversicht weiterziehen – auf der Suche nach sich selbst und der eigenen Sippe. 

Wie steht es um deinen Platz im Leben? Fühlt er sich richtig an – oder trägst du womöglich ein fremdes Fell, um deinem (noch) „blinden“ Zugehörigkeitsgefühl Genüge zu tun?

Titelbild: © Tahoe unsplash