Was die alte Seele weiß und die junge Seele erst lernen muss

Wir alle wünschen uns Glück und Erfüllung. Und stehen uns selbst im Weg – auf unserer Reise in ein zufriedenes Leben. Zu mehr Lebensfreude sind es oft nur wenige Schritte, die wir gehen müssen. Eine Geschichte darüber, wie die alte Seele der jungen Seele zu mehr Lebenslust verhalf.

Lebensfreude, wo steckst du?

An einem bewölkten Sommertag saß eine junge Seele etwas verloren und deprimiert auf einer Parkbank. Irgendwie war ihr der Seelenfrieden abhandengekommen. Sie beobachtete gelangweilt das bunte Treiben auf der vom Regen durchnässten Wiese: Zwei kleine Hunde tollten herum, wälzten sich im nassen Gras und strahlten pure Lebensfreude aus.

 „Hmmmh …“, seufzte die Seele, „das miese Hundewetter scheint den beiden nichts auszumachen. Warum heißt es bloß „Hundewetter“, wenn es doch nur Menschen auf die Seele schlägt?! Wenn ich nur mit Tieren sprechen könnte, würde ich die Hunde fragen, wie sie bei dem Wetter so fröhlich sein können? Oder wenn sich jetzt die Sonne wieder zeigen würde, würde ich …“

Glück in sich selbst entdecken

„… endlich das Glück im Herzen spüren?“, unterbrach eine fremde Stimme den Gedankenkreis der gerade untröstlichen Seele. Eine alte Seele tauchte wie aus dem Nichts auf und ließ sich auf derselben Bank nieder. Sie schaute fragend, aber irgendwie vertraut und warm die junge Seele an, die lustlos in die Leere starrte. „Du machst dein Glück davon abhängig, ob dir die Sonne auf die Nase scheint oder nicht. Was du jedoch nicht merkst, ist, dass in deinem Herzen ebenfalls eine kleine Sonne scheint. Sie ist die Liebe – vor allem die zu dir selbst. Doch auch diese Sonne versteckt sich gerade hinter den Wolken deiner unbegründeten Traurigkeit“, meinte die alte Seele.

„Und wie kann ich sie wieder spüren?“ fragte die junge Seele, die einen Schleier Hoffnung verspürte.

„Lass deinen Frust los, dass nicht immer alles so läuft, wie du es dir ausmalst“, antwortete die alte Seele. „Fange an, dich selbst zu lieben – so wie du bist. Lasse deine eigene Sonne für dich scheinen, immer und überall – wenn schon die am Himmel Pause macht. So wie es dir die beiden Hunde gerade vorleben. Sie machen ihr Glück weder vom Wetter, noch von der Laune des Herrchens abhängig.“

Die junge Seele grübelte kurz und spürte eine zögerliche Wärmequelle in ihrer Brust. Einige Momente später blickte sogar die Sonne am Himmel heraus – und feuerte die spielenden Hunde noch mehr an.

Vergebung lernen

Irgendwo in einer tiefen Ecke ihres Herzens spürte die junge Seele dennoch ein leichtes Zwicken. Der kaum spürbare, aber dennoch präsente Schmerz ließ sie die Augen in ihren Schoss senken. Dabei fiel ihr Blick auf die hässliche alte Narbe, die wie ein dicker Regenwurm quer über ihre Handoberfläche lag. Sie dachte an den Nachbarsjungen, der sie vor ein paar Jahren ärgern wollte – und sie versehentlich mit einer Schere verletzte. Doch statt sich zu entschuldigen und ihr zu helfen, lief er einfach fort. Und ließ sie allein, heulend und blutend, am Boden sitzen.

„Verzeihe dir deine und anderen ihre Fehler. Lasse alte Wunden verheilen. Vergebe denjenigen, die dich nicht gut behandelt oder gar verletzt haben“, schien die alte Seele die Gedanken der jungen Seele zu lesen. „Vergeben bedeutet nicht, demjenigen recht zu geben, der im Unrecht ist. Es ist ein Gefallen, den du dir selbst tust. Denn so fällt dir die Last des Grolls vom Herzen. Und gibt Platz frei: für deine Sonne. Sie hilft dir wiederum, die Narbe annehmen zu lernen – denn sie ist nun ein Teil von dir – eine Erfahrung, aber keine Enttäuschung oder Wut mehr.“

Neue Wege wagen

„Dieses Gefühl ist aber ganz neu für mich: Wie soll ich jemandem vergeben, der mir so dermaßen weh getan hat?“, schaute die junge Seele mit leicht feuchten Augen zu der alten Seele hinauf. Der tiefsitzende Schmerz wollte sich nicht verabschieden.

„Habe keine Angst davor, neue Wege auszuprobieren. Wenn du die Veränderung akzeptierst, bekommst du neue Lebenskraft. Die Energie, die du freigibst, lässt dich alte Muster hinter dir lassen – und das lange-vor-dich-hin-Geschobene endlich anpacken. Hast du angstfrei den ersten Schritt gemacht, läuft alles von allein weiter.“

Die junge Seele ging wieder kurz in sich. Sie dachte an solch trübe Tage wie heute, an denen die Welt stillzustehen schien. In solchen Momenten leckte sie für gewöhnlich an ihren alten Wunden oder verkroch sich völlig entkräftet in die dunkelste Ecke ihres Herzens …

Nun spürte die junge Seele aufkeimenden Tatendrang und war entschlossen, Vergebung zu lernen und neue Wege zu wagen. Auf den hässlichen Narbenwurm würde sie eine Blume tätowieren – und die alte Verletzung so endgültig ein Teil von ihr werden lassen.

Innere Schönheit entdecken

„Gute Idee, aus der Narbe eine hübsche Blume erblühen zu lassen“, lächelte die alte Seele der etwas aufgeheiterten jungen Seele zu. „Richte dennoch deinen Blick von der äußeren Perfektion nach innen – auf deine innere Schönheit. Sie ist es, die dich zum Strahlen bringt. Und dir zu mehr Lebensfreude verhilft. Natürlich nur, wenn du es ihr erlaubst …“

Was zählt denn zur inneren Schönheit?“, die Augen der jungen Seele leuchteten auf und fixierten die Gesprächspartnerin erwartungsvoll.

„Du bist freundlich, hilfsbereit und zuverlässig. Wenn du singst, zwitschern Vögel mit. Schreibst du ein paar Zeilen, erreichen sie die Herzen der Ratsuchenden. Und mit deiner Gabe, die Schönheit in kleinen Dingen zu erkennen, öffnest du anderen den Blick auf das Wesentliche. Denke daran: Je mehr du auf deine liebenswerten Eigenschaften und besonderen Fähigkeiten achtest, desto schneller werden sie wachsen. Und sie werden dir die innere Schönheit der anderen Menschen offenbaren“, meinte die alte Seele und wandte ihren bewundernden Blick den noch immer herumtollenden Hunden zu.

Die junge Seele folgte diesem Blick. Sie sah nun zwei unbekümmerte, fröhliche Hundeseelen, die nur das eine taten: Sie genossen den Augenblick. 

Augenblick wahrnehmen – auf dem Weg zu mehr Lebensfreude

„Diese zwei Hunde sind wahrlich von Lebensfreude erfüllt. Warum ist das so – was glaubst du?“, fragte plötzlich die alte Seele die junge.

„Na ja, weil sie gerade nicht brav an der Leine laufen müssen, sondern frei sind. Wenn sie nur wüssten, dass ihre Herrchen sie bald wieder anleinen werden – die Armen …“, murmelte die junge Seele bemitleidend.

„Moment“, mischte sich die alte Seele ein. „Es ist der Moment, der zählt! Die beiden sind glücklich, weil sie diesen Augenblick wahrnehmen – und genießen. Sie trüben ihr Gemüt nicht mit dem Gedanken, was kommen könnte. Alles, was für sie existiert, ist JETZT. Und gerade sind sie frei. Sie können sich im Gras wälzen, sich ungestört beschnuppern und unbesorgt die Schmetterlinge von den Blumen aufscheuchen. Sie spüren die Wärme der Sonne, riechen die nasse Erde und hören den Wind sehnsüchtig um ihre Schlabberohren pfeifen. Das erfüllt sie mit Lebensfreude – und lässt ihre innere Sonne noch mehr strahlen. Lenke auch du deine Aufmerksamkeit auf das Schöne des Augenblicks“, schloss die alte Seele ihre eingängigen Ausführungen ab. Es war an der Zeit für sie, weiter zu ziehen. Denn zwei Bänke weiter wartete eine andere junge Seele darauf, sich den Weg zu mehr Lebensfreude zeigen zu lassen.

Die junge Seele schloss die Augen und spürte nach. Sie fühlte die warme Sonne auf ihrer Haut – und die Flamme in ihrem Herzen. Die Luft roch so vertraut nach frischem Sommerregen und feuchtem Grün. Der Wind berührte die Blätter der großen Kastanie, unter der die junge Seele saß – und ließ das Laub auf ihre eigene raschelnde Melodie tänzeln. Ihre Finger streiften die Narbe auf ihrer Hand, die sich schon bald in eine wunderschöne Blume verwandeln würde. Sie dachte an ihr Buch, das sie bereits seit langem schreiben wollte – doch fehlte ihr bisher die Kraft dazu. Nun war sie voller Entschlossenheit: Sie möchte in ihrem Buch allen nach der Lebensfreude Suchenden von der Begegnung mit der alten Seele erzählen!

Sie genoss diesen glückseligen Moment der Erfüllung und spürte große Dankbarkeit und neue Lebenslust. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie beide Hunde sich anleinen lassen. Dies schien ihre Lebensfreude nicht zu trüben – denn es wartete bereits der nächste schöne Augenblick auf sie: das Leckerli.

2 Gedanken zu “Fünf Schritte zu mehr Lebensfreude

  1. Von ganzem Herzen ein herzliches Dankeschön für die wunderschöne Seelengeschichte aus dem Seelenleben. So berührend und wahrhaftig. Vergelt’s Gott und Gottes Segen.

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