Ein Interview mit Michael Zirnstein über die spirituelle Reise zu sich selbst

Was ist Spiritualität? Wer unterstützt uns auf unserer Selbstfindungsreise? Darüber sowie über die Seele und spirituelle Reisen spreche ich mit einem friedvoll-leisen Yoga-Lehrer und Journalisten Michael Zirnstein.

Wenn Michael Zirnstein den Yoga-Raum betritt, bringt er eine unbeschwerte Wolke aus stiller Gelassenheit mit sich. Er spricht leise, bewegt sich lautlos und strahlt Frieden und Freude aus, die anstecken. Seine Yoga-Schüler baden vergnüglich in seiner warmherzigen Aura, und die Hektik des Alltags scheint im Nu verflogen. Was bleibt, ist die Erinnerung an die erlebten Turbulenzen des alt gewordenen Tages. Und die leichte Müdigkeit, die jede Seele durch Erlebtes kennzeichnet. Beides löst sich in Luft auf, sobald er die Yoga-Stunde mit einer Meditation einleitet. Und alle zur inneren Ruhe finden.

Ich will wissen, was sich hinter dieser friedvollen Fassade verbirgt, möchte diese unkomplizierte menschliche Art kennenlernen und erlernen – und spreche mit Michael Zirnstein über:

  • die Spiritualität an sich,
  • seinen bisherigen Weg zu sich selbst,
  • die Rolle der Seele auf der Selbstfindungsreise und
  • Länder, die zu spirituellen Reisen einladen.

Sanft, leise und unaufdringlich: „Spiritualität ist fast ein wenig magisch“

Michael, lass uns heute über die Spiritualität sprechen. Und über die Reise zu sich selbst. Wann hat deine begonnen?

Meine Reise zu mir selbst begann sicherlich nach dem Tod meines Vaters, als ich sieben Jahre alt war. Auf einen Schlag war ich altklug. Reifer und erwachsener – anders als andere Kinder. Es fühlte sich wie eine Trennung zwischen mir und der Welt an. Seitdem habe ich sehr viel gebetet – für mich und meine Familie. Ich habe mich um sie gesorgt, auch wenn nicht ganz uneigennützig.

So möchte ich behaupten, dass ein Großteil dessen, was ich heute tue, schon damals angelegt war. Wenn ich jetzt meditiere oder Mantras für mich rezitiere, dann ist es sehr ähnlich wie das Beten damals.

An wen hast du dich damals in deinen Gebeten gewandt?

An den lieben Gott, ganz klassisch, wie man es in der Kirche lernte. Und ich war oft in der Kirche, auch wenn ich es wahnsinnig langweilig fand. Aber trotzdem hat mich diese Welt interessiert: Als Kind zweifelst du auch nicht daran, dass es im Himmel so eine Art Opa gibt, an den man sich wendet.

In Gebeten habe ich mich in der Tat oft an meinen verstorbenen Opa und später an meinen Vater gewandt. Vorgestellt habe ich mir dabei eine Telefonkonferenz: Zuerst habe ich zu Gott gebetet und dann gesagt, dass ich nun kurz zu meinem Opa oder meinem Vater sprechen möchte!

Das war meine erste spirituelle Erfahrung

Was ist Spiritualität für dich?

Spiritualität ist etwas, was nicht rational ist – und fast ein bisschen magisch. Es passieren oft Dinge, die unser skeptischer Verstand ablehnt: Dinge, gegen die wir kämpfen, weil sie uns scheinbar nichts bringen. So sind solche spirituellen Momente auch Momente der großen Unsicherheit im Leben. Weil sie dich in eine unbekannte, ja „gefährliche“ Lage bringen. Weil dein Verstand dir nicht mehr weiterhelfen kann. Und dann passiert etwas, was du nicht für möglich gehalten hättest. DAS ist für mich Spiritualität. Das sind aber auch die Momente, in denen du dich vielleicht am stärksten mit deiner Seele – und mit der Weltenseele verbunden fühlst.

Was muss derjenige tun, der Spiritualität leben möchte? Kann er spirituelles Leben forcieren?

Forcieren kann man das nicht – das wäre ein Zwang. Dann hat der Verstand das Ruder in der Hand. Und das Ruder treibt dich weiter auf dem Ozean des Verstandes herum. Dabei denkst du, auf deinem Seelenweg zu sein.

Das Ziel ist aber, sich selbst zu finden und die eigene Seele zu spüren und zu verstehen. Auf dem Weg dahin musst du einfach loslassen. Nichts forcieren, nichts müssen – einfach nur sein. Du kannst den Verstand ein wenig überlisten, indem du dir am Anfang einen Rahmen schaffst und dich darin „trainierst“ bzw. auf das spirituelle Leben vorbereitest. Das kann ein Ritual sein, sich jeden Morgen oder Abend hinzusetzten und sich dazu zu zwingen, nichts zu tun. Egal, was kommt – reagiere nicht.

Das ist ein Trick, der jedoch noch keine Spiritualität erzwingt. Er programmiert dich so, dass du immer in diesem Moment deinen Rahmen spürst. Wenn irgendwann mal der Zwang nicht mehr da ist und es von ganz alleine passiert sowie eine Meditation für dich zum Alltag geworden ist, kann Spiritualität kommen.

Körper, Geist und Seele: Wofür stehen diese Begriffe?

Körper ist nichts anderes als eine Manifestation einer Seele, einer Energie. Das ist eine Möglichkeit für uns, Erfahrungen zu machen. Um diese wahrzunehmen, haben wir den Verstand – der bringt den Körper durch diese Erfahrungen. Aber beides ist vergänglich, auch die Emotionen und Informationen, die im Körper gespeichert sind. Und alles hängt sehr eng miteinander zusammen. Dieses Körperliche ist eine von vielen, vielen Ausprägungen unserer Seele, eine der unendlich vielen Möglichkeiten, die einmal aufpoppt – und schon sind wir da, um etwas zu spüren und zu erfahren. Und um mit diesen Erfahrungen zurückzukommen, zu dem großen Meer der Möglichkeiten – das Meer steht symbolisch für die Seele. Denn aus der Seele kann sehr viel entspringen.

Was ist die Seele?

Die Seele ist etwas, was bleibt, wenn alles andere drum herum weggefallen ist. Ich habe ein viel tieferes Vertrauen in meine Seele. Ich habe Vertrauen, dass sie da ist. Das gibt mir die Gewissheit, dass Probleme zwar da sind, aber sie sind nicht wichtig.

Unser eigentliches Problem ist, dass unser Körper mit der Zeit zerfällt. Unsere körperliche Hülle ist endlich. Und die Seele ist zwar damit verwoben, aber sie ist zeitlos. Sie bleibt. DAS kann ich auch spüren.

Wenn du deine Seele malen würdest – welches Bild würde dabei herauskommen?

Licht, helles gelbliches Licht, leicht pulsierend.

Da es ja um die Reise zu sich selbst geht: Welche Länder sind für spirituelles Reisen besonders geeignet?

In jeder Kultur gibt es Wege, die einen besonders faszinieren und zur Wahrheit führen. In unserer europäischen Kultur sind es zum Beispiel der katholische Mystizismus oder die Rosenkreuzer. Und dennoch schauen wir weiter weg. Denn die Welt, in der wir uns sozialisiert haben, erscheint uns oft banal.

So suchen wir uns für unsere spirituellen Reisen Länder aus, wo wir die Realität schärfer spüren: Wir suchen also einen begrenzten Raum, den wir ergründen können. Eine meiner spirituellsten Reisen war der Besuch eines Inka-Tempels in Peru, der gerade ausgegraben wurde. Unser Guide stand an einer Rampe und erzählte, dass auf dieser Rampe mal ein ganz hoher Priester stand. Dieser teilte Menschen in Gut und Schlecht auf. Und schickte manche davon in den Tod.

In dem Moment war das für mich ein eher erschreckendes Bild, dass einer über Leben und Tod andere entscheidet. Aber es ist nicht genau das, was wir auch heute machen? Wir teilen andere in Gut und Böse auf, nur sind heute die Konsequenzen anders. Auf einer höheren Eben – und das ist ein sehr spirituelles Erlebnis – ging es diesem Priester um einen Ausgleich zwischen Gut und Böse, um eine Balance der Welt! In dem kurzen Moment konnte ich fühlen, was diesen hohen Priester bewegt hat: diese Verbindung zwischen allem, die Polarität. So war auch das ein spiritueller Ort für mich, der etwas mit mir gemacht, mir aufgezeigt hat, was wirklich wichtig ist.

Auch in Ägypten hatte ich ein ähnliches spirituelles Erlebnis, als ich nahezu allein in einer Grabkammer, 300 Meter tief im Berg, stand. Um mich herum war alles ausgemalt – mit Bildern vom Tod. Das ist erschreckend und faszinierend zugleich, was Ägypter für ein Brimborium um den Tod gemacht hatten. Sie hatten unendliche Angst vor dem Tod – und diese habe ich da so deutlich gespürt! Denn sowas macht man, um sich auf den Tod vorzubereiten: Diese Zeichnungen waren eine Art Wunschvorstellungen davon, wie der Tod sein sollte. Und diesen Tod hatte ich um mich herum, geborgen und getragen von einer Götterwelt. So war auch das eine spirituelle Reise für mich!

Hast du auf deinen spirituellen Reisen auch deine persönliche spirituelle Heimat gefunden?

Das Land, in das es mich immer wieder zurückzieht, ist Indien. Ich war bereits fünf Mal da. Warum das so ist? In Indien wird eine andere Art Spiritualität gelebt. Davon umgibt dich da so viel: unendlich viele Tempel, mit spirituellen Attributen ausgeschmückte Nischen und Ecken. Jedes Haus hat seinen eigenen Hausaltar.

Es ist ein unerklärliches Land für mich: sehr arm, hart und brutal auf der einen Seite und doch so spirituell lebendig. Ich finde vieles hier nicht richtig. Und trotzdem habe ich so eine Sehnsucht, fast schon Heimweh nach Indien. Wenn ich weggehe, ist es eines der wenigen Länder, wo ich sofort wieder hingehen würde.

Was macht die besondere Faszination Indiens aus?

Indien ist ein Reich der Phantasie, wo Götter einen Elefantenkopf haben, wo sie mit Armen zusammentanzen. Ich mag die Tempel, ich mag den Affengott Hanuman. Denn alle Götter stehen für etwas und bringen tiefgründige Geschichte mit sich.

Diese Andersartigkeit und diese Fantasiefiguren, die am Anfang so exotisch erscheinen, sind besonders faszinierend.

Es gibt auch in Indien wahnsinnig viele Regeln – so kann man sich in einem Regelwerk von Buddhismus oder Hinduismus total verirren und verwirren. Für mich ist es Horizont erweiternd. Und Fantasie anregend! Wenn die angeregt ist, dann passiert sehr viel im Kopf. Es entstehen sehr viele Bilder. Das sind wiederum Bilder, die aus Erinnerungen kommen. Deshalb ist eine Reise nach Indien auch eine große Ablenkung von dem, was da ist – vergleichbar mit einer Mantra-Meditation. Es hilft einem, sich aus Mustern zu lösen und so den Weg zu mehr Lebensfreude zu finden.

Was würdest du „zu-sich-selbst-Reisenden“ – aus der Summe deiner Lebenserfahrungen – mitgeben, um Erfüllung im eigenen Leben zu erfahren?

Seid nett zueinander. Es gibt keinen Grund, böse auf andere zu sein. Und: Denkt daran, dass sich alles verändert. Auch glückselige Momente wechseln sich mit schmerzhaften Momenten. Daher halte dich an nichts krampfhaft fest. Lass los!

Spiritualität ist viel mehr als beten.
Spiritualität leben bedeutet, auf leisen Pfoten durch die Welt zu gehen. Und trotzdem Spuren zu hinterlassen!

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