Unsere Fantasie hat so viel Macht über unsere Realität, wie wir ihr geben. Und sie meint es nicht immer gut mit uns. Eine Fabel über den Igel, dem seine rege Einbildungskraft das Vertrauen ins Leben raubte und ihn vereinsamen lies.

Es war einmal ein Igel. Er lebte in einer gut geschützten Zweighütte, auf einer idyllischen Wiese, die von einem dichten, alten Wald umgeben war. Zu seinen Waldmitbewohnern pflegte er einen eher zurückhaltenden Kontakt: mal dem Eichhörnchen beim Nüsse suchen helfen, mal einen kurzen Plausch mit dem Hasen am sonnigen Plätzchen halten und immer wieder der Waldversammlung beiwohnen.

Eine richtige Verbundenheit mit anderen Tieren spürte er nicht: Er war sich nicht sicher, ob die anderen ihm wohlgesinnt sind und er ihnen Vertrauen schenken kann. Denn er hatte schon oft tiefe Enttäuschungen erlebt und schmerzhafte Verletzungen erlitten. Deshalb rollte er sich meistens ziemlich bald zu einem Stachel-Knäuel, sobald sich ihm ein Waldgeselle näherte.

Der Igel hatte zwei besondere Gaben: seine lebhafte Fantasie und die Fähigkeit, alle Erfahrungen und alles Wissen, das er im Laufe der Jahre angesammelt hatte, miteinander zu verknüpfen. Mit Hilfe seiner regsamen Einbildungskraft erfand er daraus ganze Welten, die ihm unwirklich real erschienen. Er interpretierte sogar Launen und Verhaltensweisen der Waldbewohner. Der Igel wollte so allen und allem einen Schritt voraus sein. Was ihn dazu bewegte, war die Angst, wieder verletzt zu werden und nicht auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Weil ihm schlicht und einfach das Vertrauen in den Fluss des Lebens fehlte

So ärgerte sich der Igel über den benachbarten Bären, der immer wieder das Gras auf seiner Wiese platttrat: „Er will mir doch nur zeigen, dass er größer und stärker ist als ich.“ Jedes Mal, wenn der Igel einen Pilz unter dem Heimatbaum eines Eichhörnchens aufsammelte, wurde er von Schuldgefühlen geplagt, so als würde er der flauschigen Nachbarin diesen Pilz klauen. Der Rabe, der den Igel jeden Morgen viel zu früh mit seinem grellen Schrei weckte, wolle ihn nur zu einem unnötigen Krieg herausfordern so schwarz wie sein Gefieder seien bestimmt auch seine Gedanken. Und um die Höhle des feuerroten Fuchses machte er sowieso immer einen großen Bogen. Diesen hielt er nämlich für besonders schlau – und das sei pure Gefahr für den Igel. Denn so, wie er mit seinen leuchtend-grünen Augen schaut, will er dem Igel bestimmt eine gemeine Falle stellen.

Fantasie stellt ihre Fallen

So führte der Igel ein ziemlich einsames Leben, das er sich mit der Kraft seiner Fantasie erschuf. Doch dieses war nur sehr selten von Lebensfreude erfüllt. Denn die meiste Zeit war er damit beschäftigt, zu interpretieren, wer ihn wie anschaut und was er von ihm wollen würde. Dabei schrumpfte er innerlich immer mehr, denn auch sein Vertrauen schrumpfte. Er fühlte sich klein und verletzlich und wandte sich immer mehr von seinen Mittieren ab.

Je mehr er sich aus dem „öffentlichen“ Waldleben zurückzog, desto häufiger versteckte er sich in den abgelegenen Ecken des Waldes. Hier, umhüllt von der Harmonie der Natur, umgeben von der Stille und geborgen in der Vollkommenheit der Schöpfung, spürte er keine Gefahr. Stundenlang lief er am Wildbach entlang, dessen Plätschern für seine kleinen Öhrchen wie himmlische Engelsstimmen klang. Die summende Biene verfolgte er mit Neugier bis zur wunderschönen Blume und schaute ihr liebevoll beim Blütenstaub-Sammeln zu.

Seine besondere Aufmerksamkeit galt jedoch einem Schmetterling, den der liebe Gott nicht hätte schöner kreieren können. Ausgerechnet dieser Schmetterling, sein graziler, flauschiger Körper, seine fröhliche Beweglichkeit und der anmutige Antlitz bewegten etwas in der kleinen Igel-Seele. Er erinnerte den borstigen Waldläufer an etwas, dessen Präsenz er auch in sich fühlte. Mit seiner kleinen Pfote streifte er nachdenklich über sein Stachel-Gewandt. Autsch! Von diesem Sanften und Weichen, das ihn, tief in seiner Seele versteckt, kitzelte, spürte er nichts.

Es machte den Igel ein wenig traurig: So gerne würde er wie dieser Schmetterling unbeschwert durch die Lüfte tanzen … Seine Fantasie tröstete ihn leise: „Vergiss das blinde Vertrauen. Wenn niemand von deinem weichen Kern weiß, kann er dich auch nicht verletzen. Alle sollen ruhig denken, dass du nur aus Stacheln bestehst.“

Mit der Zeit wurden die Spielchen der Fantasie immer ausgefeilter und lockten den Igel in immer größere Fallen. Sodass der stachelige Geselle sich immer mehr Gefahren einbildete. Eines Tages wankte sogar sein Vertrauen in die vom Igel über alles geliebte Natur …

Das Vertrauen ist weg, der Weltuntergang ist da!

1. Schlüsselereignis

Wenn das Vertrauen schwindet, wird die Fantasie laut.
Schwindet das Vertrauen des Igels, wird seine Fantasie lauter. Alle Fotos: © Olesya Prisyazhnaya

In einer windigen herbstlichen Nacht war es soweit: Die Natur, die er so vergötterte, schien ihm den Rücken gekehrt zu haben. Zu einer späten Stunde erlosch in der kleinen Igel-Hütte der knisternde Kamin. Noch roch es so gemütlich und vertraut nach Holz und Rauch, wie damals bei seiner Igel-Oma, als er, zu einem kleinen Wollknäuel zusammengerollt, in ihrem Schoß lag und die tänzelnden Flammenzungen beobachtete …

Mit diesem warmen Gefühl der Erinnerung pustete er die letzte Kerze aus und kuschelte sich in seine weiche Laub-Decke ein. Die samtige Dunkelheit und die stumme Stille umhüllten ihn und er schlief genüsslich schmatzend ein.

Ein paar Stunden später donnerte, blitzte und krachte es um den Igel herum, als würde jemand seinen kleinen Kopf unter einen riesigen Blecheimer halten und darauf mit einem schweren Eisenhammer hauen. Voller Schrecken riss er seine verschlafenen Äuglein auf und sah … nichts. Die Dunkelheit schien ihm nun auch nicht mehr so samtig. Sie war Angst einflößend, kalt und schreiend. Jetzt war seine Fantasie gefragter denn je – und sie wartete nur darauf, sich einzumischen.

„Es ist ein Gewitter von ungeahnter Kraft, das den ganzen Wald umsägt und alle Waldbewohner wie leichte Federn wegbläst. Ins Nichts!“, flüsterte sie in das zitternde Igel-Ohr. „Es wird kein Licht mehr auf Erden geben. Keine Sonne, keine Wärme. Der Sturm reißt alles mit, lässt keinen Grashalm zurück. Und alle, die wie durch ein Wunder überleben, werden verhungern und schon bald sterben!“, trieb die Igels Einbildungskraft ihr Spielchen auf die Spitze.

Der zu Tode erschrockene Igel spürte seinen Körper nicht mehr. Nicht mal seine spitzen Stacheln konnten ihn retten. In seiner wilden Fantasie verwandelte ihn die lähmende Angst in ein kleines Staubkorn, das mit dem stürmischen Wind ins dunkle Nirgendwo fliegt und für immer verschwindet.

Der Igel rollte sich zusammen, in der Hoffnung, dass seine Stacheln ihn irgendwo in diesem Weltuntergang festnageln würden. So, „geschützt“ und in seiner Fantasie-Welt gefangen, kugelte er unter sein Bett, wo er den Rest seiner letzen Nacht, bei Blitz und Donner und vor Furcht zitternd, verbrachte.

Aus der Fantasie erwachen

Als sich der herbstlich-scheue Morgen in seine Hütte durchkämpfte, traute sich der Igel vorsichtig aus seinem Versteck. Wider Erwarten konnte er am Himmel die ersten zarten Sonnenstrahlen erkennen. Diese gewannen an Kraft und tauchten die Wiese vor seiner Hütte in ein warm-goldenes Licht. Der Tag brach wie gewohnt an und versprach, der glücklichste Tag im Leben des Igels zu werden!

Immer noch sehr misstrauisch machte er einen zögerlichen Rundgang um sein Zuhause: Sein Äste-Dach schien nicht einmal einen Mini-Schaden von dem nächtlichen Sturm davongetragen zu haben … Aus der benachbarten Bärenhöhle erklang das unbekümmerte Schnarchen. Verwirrt lief er ein paar Schritte weiter, auf der Suche nach den Spuren des fatalen Sturmes. Doch es schien alles im Wald in guter alter Ordnung zu sein. Bis auf ein Blechblatt – wie das vom Dach der Menschen im Dorf nebenan –, das sich in den mächtigen Ästen einer Eiche verhangen hat, vom nächtlichen Wind verweht. Es baumelte herum, schlug immer mal wieder gegen den Baumstamm und „donnerte“ …

An diesem Tag lerne der Igel seine Fantasie kennen. Und er lernte sogar, mit ihr zu sprechen, sie zu hinterfragen und ihr möglichst wenig Vertrauen zu schenken. „Ist die Welt wirklich so, wie du sie für mich erschaffst? Bist du vielleicht zu fantasiereich? Zu skeptisch? Zu misstrauisch?“

Seiner regsamen, pessimistischen Einbildungskraft vertraute er nicht mehr blind wie zuvor. Vielmehr hörte er nun einer Stimme zu, die in seinem Bauch immer lauter wurde. Sie widerlegte so einige Vermutungen und löste so manche Verknüpfungen, die seine Fantasie immer wieder versuchte, dem Igel unterzujubeln. Und auf einmal barg die Welt immer weniger Gefahren und wurde immer freundlicher. Sogar seine Waldmitbewohner schienen ihm wohlgesonnener zu sein.

Die Fantasie zum Flüstern bringen, das Vertrauen aufbauen

2. Schlüsselereignis

Das Vertrauen aufbauen geht erst, wenn die Fantasie schweigsamer wird.
Das goldene Sonnenlicht weckt Igels Vertrauen auf.

Als seine Fantasie ihm immer mehr Ruhepausen gönnte, dachte der Igel öfter über das Leben nach. Über seine Freunde und Bekannte, deren Nähe er doch mehr vermisste, als er nach außen zeigte. Wie schön wäre es, die Schönheiten der Natur mit jemandem gemeinsam zu genießen und die Freuden des Lebens zu teilen? Oder auch mal über seine Träume mit einem Gleichgesinnten zu reden?

Es wurde goldener Spätherbst der Geburtstag des Igels stand vor der Tür. Bei einem Spaziergang durch den bunten Wald sammelte er wunderschöne gelbe Blätter, kritzelte darauf mit einer seiner Stacheln eine Feier-Einladung und verschickte diese, ohne lange nachzudenken, an seine Mittiere. An diesem Tag hatte er sich fest vorgenommen, mit jedem reinen Tisch zu machen – und vielleicht sogar ein ungezwungenes Pläuschchen zu halten. Wie früher, als er noch „unerfahren“ und voller Vertrauen war.

Auch seine Mittiere spürten die Veränderung, die der Igel durchlebte. Sie waren neugierig auf das neue, etwas entspanntere Stachel-Knäuel und erschienen in der liebevoll-herbstlich geschmückten Igel-Hütte, zahlreich und ohne Verspätung, zur Geburtstags-Fete.

Das Eichhörnchen brachte einen Korb voller Walddelikatessen: Eicheln, rote Beeren, schmackhafte Wurzeln und sogar wunderschön groß gewachsene Pilze, die der Igel so gerne mochte. „Es sei mir eine große Freude, dich unter meinem Baum zu begrüßen und dir beim genüsslichen Verzehr meiner Pilze zu beobachten. Dass sie so lecker sind, wusste ich vorher nicht. Dank dir habe ich für mich ihren süßlich-würzigen Geschmack entdeckt.“ So brauchte der Igel in Zukunft keine Gewissensqualen mehr zu verspüren, wenn er mal unter dem Baum des Eichhörnchens einen Pilz fand.

Der Bär machte es sich gemütlich vor dem Eingang und beobachtete das fröhliche Treiben mit einem Auge durch die Eingangstür. Er schenkte dem Geburtstagstier ein Töpfchen leckeren Honig, den er immer am Baum direkt hinter der Igel-Hütte sammelte daher musste er seinen Weg immer durch die Igel-Wiese zurücklegen. Von nun an löste sich Igels Vermutung über die bösen Absichten seines übergroßen Nachbarn in Luft auf.

Der Rabe sang an dem Abend seine stimmungsvollen Arien, festlich in seinen schwarzen Gefieder-Smoking gekleidet. Und der Lieblingsschmetterling des Igels hatte sich sogar bereit erklärt, dem rabenschwarzen Sänger als bunte Fliege zu dienen und flatterte immer mal wieder fröhlich-farbenfroh zwischen den Gästen.

Am liebsten war dem Igel aber das Geschenk des schlauen Fuchses. Dieser brachte einen Gegenstand mit, den der rothaarige Jäger mal im Menschendorf klaute: einen alten Spiegel, groß genug, dass sich der Igel von Kopf bis Fuß darin betrachten konnte.

Wo das Vertrauen zuhause ist

Wie hängen Vertrauen und Fantasie zusammen?
„Fantasie ist gut, Vertrauen ist besser!“

Vorerst wusste das Geburtstagstier nicht so recht, etwas mit diesem ungewöhnlichen Geschenk anzufangen: „Der Fuchs will dich doch damit hinters Licht führen“, flüsterte die sich aufbäumende Fantasie. Als der Igel sich unbeobachtet fühlte, richtete er sich davor auf und betrachtete sich darin mit großer Neugier.

„Das bist du und du bestehst nicht nur aus spitzen Stacheln“, traute sich sein Bauchgefühl, nachdem der Igel über seine weiche, kuschelige Körpermitte streichelte. Zum ersten Mal musste er seine Pfote nicht voller Schmerz wegnehmen – im Gegenteil: Sein kuschelweicher Bauch, den er immer so sehr vor Gefahren schützen wollte, war angenehm streichelzart. „Hier lebe ich“, flüsterte das Vertrauen, „und du kannst dich voll und ganz auf mich verlassen: Ich werde dich immer warnen, sollte es auf deinem Lebensweg echte Gefahren geben.“

Da war er, sein wahrer Kern: kuschelig-weich und sensibel. Ein Kern, der so stark war, dass er jedem Gewitter, jeder Erschütterung zu widerstehen vermochte. Ein Kern, in den er vertrauen konnte. So wachte der Igel jeden Morgen voller Vorfreude auf den neuen Tag auf ­ natürlich zum pünktlichen Rabengesang. Den Bären, der seinen Weg zum Bienennest ging, grüßte er fröhlich und wünschte ihm einen guten Honig-Fund. Und regelmäßig fand er selbst etwas Wertvolles vor seiner Tür: ein Pilzgeschenk vom Eichhörnchen.

Seine wildesten Träume verriet der Igel nun völlig furchtlos seinem besten Freund Fuchs ­ wenn dieser nach seiner Jagd beim Igel auf eine kurzweilige Unterhaltung vorbeikam. Der rothaarige Räuber erzählte spannende Geschichten aus seinem wilden Leben voller Abenteuer und Gefahren, aus denen ihn sein Vertrauen immer zuversichtlich rettete. Und jedes Mal, wenn die schwermütige Fantasie des Igels wieder lauter wurde und er seine Stacheln kampfbereit aufstellte, hielt ihm der Fuchs den Spiegel vor. Dieser brachte Igels weichen Kern zum Vorschein – den Ort, wo sein Vertrauen lebte … So gewann er es zurück und lernte, im Hier und Jetzt zu leben, statt sich in seine Fantasie-Welten zu verkriechen.

Apropos Fantasie: Mit ihr schloss der Igel stillschweigend einen Vertrag. Sie floss nun gänzlich in seine Geschichten über Vertrauen und die oft trügerischen Kraft der Fantasie. Diese schrieb er sorgfältig auf schönen Ahornblättern auf, um sie anderen Igeln dieser Welt zu schenken.