Verbinde dich mit deiner wahren Natur!

Unser Leben ist wie ein Garten: Manche Pflanzen gedeihen von selbst, die anderen verwelken – trotz unserer Mühe. Wie Biophilie uns hilft, aus unserem Zuhause eine Wohlfühl-Oase zu erschaffen, verrät Naturcoach Katharina Kirchner im Interview.

Geschichte über die kleine Wald-Elfe mit dem grünen Daumen

Es war einmal … ein Mädchen mit einer besonderen Gabe. Ihre liebevolle Berührung brachte alles Grüne und Lebendige zum Wachsen. Auch die kleine Katharina wuchs in vollkommener Liebe und Freiheit auf. Im Haus ihrer Eltern hatte sie ein großes, lichtdurchflutetes Dachzimmer, in dem sie ihr eigenes Reich aufbauen durfte – ganz im Einklang mit ihrer wahren Natur. Und da sie einen sehr grünen Daumen hatte, sah ihr Zimmer nach kurzer Zeit wie ein Dschungel aus.

Alles begann mit einer Kiste, die Katharinas Mutter auf ihrem Fensterbrett eingerichtet hatte. Darin durfte das naturbegeisterte Mädchen ihre eigenen Pflanzen ziehen. Auch ihr Opa unterstütze Katharinas „grünes“ Talent leidenschaftlich: Aus seinen Urlauben brachte er immer Samen mit, die sie einpflanzen, pflegen und hegen durfte. Gleichzeitig entwickelte die kleine Wald-Elfe ihr Geschick im Handarbeiten, welches ihre Eltern ebenfalls förderten. Von der Oma lernte sie stricken und häkeln. Katharinas Mutter, selbst eine kreative Frau und Dekorateurin, lies ihre Tochter mit ihren Deko-Materialen spielen und etwas daraus basteln. Und so entstand das ein oder andere Kunstwerk, das Formen aus der Natur nachahmte.

Die Natur liefert uns Inspirationen, die unsere Biophilie erwecken.
Formen, Farben, Materialien: In der Natur findest du zahlreiche Inspirationen für deine persönliche Wohlfühl-Oase; ©Katharina Kirchner

Die kleine Katharina wuchs zu einer talentierten Zauberfee heran, die in ihrem grünen Reich naturverbunden und beseelt lebte, bis eines Tages die große, weite Welt nach ihr rief. So verließ sie ihre elterliche Wohlfühl-Oase – und verirrte sich für einige Jahre im urbanen Dschungel des Lebens … Sie studierte Naturwissenschaften, wohnte in einer WG, in der sie immer wieder das Zimmer wechselte. Doch sie fühlte sich nirgends zuhause. Die Zeit, ihre Umgebung naturnah zu gestalten, hatte sie auch nicht und vergaß die meisten Dinge aus ihrer Kindheit.

Unglücklich und innerlich zerrissen konnte sich Katharina nie richtig entspannen – und fror immer mehr, innerlich wie äußerlich. Denn ihr fehlte die Naturverbundenheit, die sie in ihrem Elternhaus  lebte. Mit dieser Einsicht kam eine Kehrtwende in Katharinas Dasein. Die junge Frau begann, sich mit der Wirkung von Räumen bewusst auseinanderzusetzen. Nach und nach holte sie die Natur in ihr Zuhause zurück. Durch Reflexionen kam mehr Licht hinein; natürliche Formen wie Kreise und Wellen, unbehandeltes Holz, Filz und Rattan sowie Waldgerüche und Pflanzen hauchten den Räumen neues Leben ein.

Die Natur zeigt uns jeden Tag, dass wir ein Teil von allem sind – und alles ein Teil von uns ist.

Die entstandene Wohlfühl-Oase erinnerte Katharina daran, wer sie wirklich war: eine naturgetreue Seele, eine Wald-Elfe, die Bäume und Pflanzen schon immer liebte. Nun, Jahre später, fühlte sie sich in ihren eigenen vier Wänden endlich wieder wohl. Menschen, die sie besuchten, spürten ebenfalls die besondere Atmosphäre. Und Katharinas Herz flatterte vor Freude, einen Raum erschaffen zu haben, in dem es jedem gutging. In diesen Momenten spürte sie den Wunsch besonders stark, auch für andere Wohlfühl-Oasen zu erschaffen, die Kraft und Energie spenden. So machte sie eine Ausbildung zum Naturcoach, die ihre Biophilie – die Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen ­– nährte und ihr Gespür für die Natur schärfte. Sie war bei sich angekommen. 

Interview: Wie Biophilie unser Leben verändert

Heute vergleicht Katharina ihren bisherigen Weg mit einem Garten:

Biophilie entfacht eine tiefe Sehnsucht in uns, zu unserem Ursprung, in unsere Heimat zurückzukehren.
„Ich möchte die harte Grenze zwischen drinnen und draußen nach und nach auflösen“; ©Katharina Kirchner

Ich habe eine lange Zeit versucht, etwas in meinem Leben „anzupflanzen“, was ich unbedingt da wachsen haben wollte. Was dort aber einfach nicht wachsen konnte, weil die Bedingungen nicht passten. Heute gehe ich anders vor: Ich schaue zuerst, was wo von selbst wächst, ganz ohne mein Zutun – und es wächst immer irgendetwas, selbst aus einer Ritze im Beton. Anstatt immer alles rauszureißen, um an der Stelle mit viel Mühe etwas anderes zu ziehen, lehne ich mich zurück – und beobachte. So ähnlich läuft es auch im Leben: Fokussiere ich mich darauf, was meiner Natur entspricht, finde ich Erfüllung und tiefe Zufriedenheit.

Diese Erkenntnis und ihren grünen Daumen setzt Naturcoach Katharina Kirchner bei ihrer Herzenstätigkeit ein: dem Gestalten biophiler Wohlfühl-Oasen. Hier im Interview über Biophilie erzählt sie:

    • was Biophilie ist,
    • wie sie unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden verbessert,
    • wie uns Biophilie mit unserer wahren Natur verbindet und
    • wie Biophilic Design unsere Lebensräume in Wohlfühl-Oasen für Körper, Geist und Seele verwandelt.

Biophilie wirkt einzigartig auf unser seelisches und körperliches Wohl

 Biophilie entfacht eine tiefe Sehnsucht in uns, zu unserem Ursprung, in unsere Heimat zurückzukehren.

Biophilie ist ein wichtiger Bestandteil deines Lebens. Warum ist es so?

Wir Menschen haben eine ganz intuitive Liebe für die Natur und für andere Lebewesen – das ist der Grundgedanke von Biophilie. Wir alle wissen, wie gut uns ein Spaziergang im Wald, an einem ruhigen See oder in den Bergen tut. Es macht etwas mit uns, wenn wir draußen sind und uns selbst als Teil der Natur erleben.

Den Grund dafür finden wir in unserer Evolution. Mit der Natur haben wir Jahrhunderte lang im Einklang gelebt. Tages- und Jahreszeiten haben unseren Rhythmus bestimmt (daher stammt auch der Begriff „Biorhythmus“). Wir haben uns von dem ernährt, was uns die Natur geboten hat – und wir haben unsere Schlaf- und Rückzugsplätze in ihr gefunden. Die Natur ist also unser ursprüngliches Zuhause. Innovationen, zum Beispiel aus dem Biophilic Design, erlauben es uns, wieder mehr zu unserem Ursprung, in unsere Heimat zurückzukehren.

Wie lebst du die Biophilie? Wie funktioniert sie für dich persönlich?

In meinem Leben habe ich zwei Herangehensweisen, wie ich meine Liebe zur Natur auslebe. Zum einen versuche ich bewusst, Handlungen in mein Leben zu integrieren, die meine Biophilie unterstützen. So gehe ich regelmäßig in die Natur oder baue Gemüse und Kräuter in meinem Garten an. Zu meiner biophilen Lebensweise gehört auch, barfuß zu laufen, mit Naturmaterialen wie Wolle oder Holz zu handarbeiten – sowie kleine Alltagsrituale zu machen, die mich mit den Jahreszeiten verbinden und mich die aktuellen Themen der Natur nachspüren lassen.

Zum anderen schaffe ich mir drinnen ein biophiles Umfeld aus Pflanzen, Licht, Naturmaterialien und -formen – und damit meine persönlichen Ruheoasen. Und ich möchte die harte Grenze zwischen drinnen und draußen nach und nach auflösen.

Biophilie hilft uns, Konflikte aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Wohlfühl-Oasen für die Sinne entstehen aus Pflanzen, Licht, Naturmaterialien und -formen; ©Katharina Kirchner
Aus Pflanzen, Licht, Naturmaterialien und -formen entstehen Wohlfühl-Oasen für alle Sinne; ©Katharina Kirchner

Wie genau wirkt Biophilie auf unsere Körper, Geist und Seele?

Biophilie ist eine Art von Liebe. So wirkt sie wie jede andere Liebe: beruhigend, erfüllend, wohltuend, entspannend ­– aber auch inspirierend, anregend und mal herausfordernd.

Es gibt inzwischen sehr viele Studien, die die positiven Wirkungen von Natur auf Körper, Geist und Seele belegen. Besonders wertvoll ist die Arbeit von Dr. Qing Li, Professor an der Nippon Medical School in Tokio, und von den Psychologen Rachel und Stephen Kaplan, die sich auf Umweltpsychologie spezialisiert haben. In zahlreichen wissenschaftlichen Experimenten zeigen sie, wie gut uns die Aufenthalte in der Natur tun. Sie stärken unser Immunsystem nachweislich; lassen uns in unserer Einzigartigkeit angenommener fühlen, auch wenn wir uns dafür schämen oder uns ausgeschlossen vorkommen. Möglicherweise, weil die Natur nicht wertet. Jeder kann in ihr so sein, wie sie oder er ist.

Das Wunder, das wir in der Natur erleben, ist das Zurückkehren zum eigenen Ursprung. Hier kommen wir in Kontakt mit vielen natürlichen Reizen, die unserem Körper aus den Jahren der Evolution bekannt und sehr vertraut sind. Deswegen erholen sich unsere Sinne; wir entspannen, kommen zur Ruhe und tanken Energie. Urbane Räume dagegen überfluten unsere Sinnesorgane oft mit künstlichen Reizen. Das erschöpft, macht müde und laugt langfristig aus.

Biophilie und biophile Raumgestaltung stillen unsere Sehnsucht nach (Natur)verbundenheit 

Was hat Biophilie mit unserem persönlichen Wachstum und der Verbundenheit zu tun?

Das ist eine schöne Frage. Viele unserer Konflikte im Leben lassen sich auf eine Art Urkonflikt zurückführen. Das ist der Konflikt zwischen Wachstum und Verbundenheit. Dieser Urkonflikt spiegelt sich in fast allen anderen Konflikten in unserem Leben. So erkennen wir, dass wir uns entweder nicht verbunden fühlen – also nicht geliebt, akzeptiert oder angenommen. Oder wir fühlen uns in unserem Wachstum, unserem freien, selbstbestimmten Leben und der persönlichen Entfaltung eingeengt. Wer mehr dazu wissen will, dem empfehle ich, sich mit Gerald Hüther zu beschäftigen.

Die Natur zeigt uns für diesen unseren Urkonflikt eine Lösung. Denn in der Natur gibt es ihn nicht. Hier ist alles eins. Der Baum ist ein schönes Beispiel dafür: Ein Baum, der nur in die Höhe wächst, fällt irgendwann um. Weil seine Wurzeln ihn nicht mehr halten können. Deshalb muss er sich durch seine Wurzeln mit allem verbinden: mit der Erde, anderen Bäumen und Lebewesen. Denn nur, wenn er verbunden ist, kann er wachsen – und nur wenn er wächst, verbindet er sich.

Ich glaube deswegen, dass uns Biophilie helfen kann, viele Konflikte in unserem Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Natur ist uns hierfür ein Vorbild, wie die Balance zwischen Wachstum und Verbundenheit funktioniert. Sie zeigt uns jeden Tag, dass wir ein Teil von allem sind – und alles ein Teil von uns ist. Und dass wir uns im Hier und Jetzt frei entfalten dürfen, so wie wir sind. Naturnahe, also biophile Raumgestaltung kann uns dabei nötige Impulse geben.

Welche besonderen Gaben setzt du bei biophiler Raumgestaltung ein?

Mein Händchen für Pflanzen und natürliche Materialen, meine Beobachtungsgabe – und natürlich meine eigene Biophilie. Außerdem nehme ich sehr schnell, intuitiv Raumenergien wahr und spüre, wie sie auf Menschen wirken. Und ich habe eine stark ausgeprägte räumliche Vorstellungskraft. Das alles ermöglicht mir, mithilfe der Natur und der Elemente aus der Natur, Räume in Wohlfühl-Oasen zu verwandeln, die alle Sinne ansprechen.

Wirkst du dabei als Naturcoach?

Als klassischer Naturcoach arbeite ich nicht. Hier habe ich meinen eigenen Weg gefunden: Ich bringe Naturverbundenheit ins Leben und in die Lebensräume der Menschen. Und das eigentliche Coachen übernimmt die Natur. So „dient“ sie anderen Menschen auf eine sehr subtile, unaufdringliche Art. Das hilft ihnen, ihre eigenen Wurzeln wieder zu spüren – und zu sich selbst zu finden.

Wie Biophilic Design unsere Lebensräume in Wohlfühl-Oasen verwandelt

Deine Art der biophilen Raumgestaltung bedient sich vieler Elemente aus dem „Biophilic Design“. Wie wirkt „Biophilic Design“ auf uns?

Biophilic Design hilft, unsere starke, oft unbewusste Sehnsucht nach Naturverbundenheit zu stillen. Das geht unter anderem besonders gut, wenn wir im Einklang mit den Jahreszeiten leben. Da viele von uns nicht viel Zeit im Freien verbringen können, bringen biophile Räume die Natur zu uns nach Hause. So schafft die biophile Raumgestaltung eine Anbindung an die eigene Natürlichkeit. Denn Elemente des Biophilic Design – wie Licht, Wasser, Aussicht aus dem Fenster, Pflanzen, natürliche Farben, Formen und Materialen – erinnern uns an unseren Ursprung. Wie alles Vertraute beruhigt es uns, senkt unseren Stresspegel und steigert nachweislich unsere Konzentration, Produktivität und Kreativität.

Inspirationen aus der Natur: Biophilic Design Ahmt Naturformen, -farben und -strukturen nach

Wie gehst du bei der biophilen Umgestaltung eines Raumes vor?

Als Erstes lerne ich den Menschen und den Raum kennen. Denn ich möchte verstehen:

    • wofür der Raum dienen soll,
    • was die innere Natur meines Auftraggebers ist,
    • wie dessen ganz individuelle Verbindung zur Natur ist und
    • welche Sinnesreize für ihn wichtig sind.

Mir geht es darum, eine ganzheitliche Wohlfühl-Oase zu erschaffen, die dem Bewohner dient und die seiner inneren Natur entspricht; einen Raum, der ihn inspiriert und in dem er für alles (für ihn) Wichtige genug Platz hat. Ich folge dabei diesem Prinzip:

    • Ich beobachte und nehme Stimmungen wahr,
    • lerne die räumlichen und familiären Gegebenheiten sowie besondere Wünsche kennen und
    • leite daraus individuelle Maßnahmen ab.

Ich empfehle zum Beispiel passende Zimmerpflanzen – oder wie neue Möbel und mehr Naturmaterialien integriert werden können. Manchmal geht es auch nur darum, die bereits vorhandenen Einrichtungselemente neu anzuordnen. Oft hilft es schon, einfach mal auszusortieren. In besonderen Fällen kann ich von mir selbstgemachte Deko-Elemente zur Verfügung stellen.

Allgemein achte ich besonders auf künstliche und natürliche Reize. Mein Ziel: eine Balance zwischen den beiden herzustellen und mehr natürliche Elemente zu integrieren – oder diese zu verstärken.

All das steht aber noch ziemlich am Anfang und ich bin gespannt, wohin es sich entwickeln darf.

Welche konkreten Tipps gibst du denjenigen, die naturverbundener leben und ihren Alltag im Sinne der Biophilie gestalten möchten?

 Ich empfehle, bei der biophilen Raumgestaltung so vorzugehen:

    • Wer sich selbst kennt, kann seine eigene Natur durch die biophile Raumgestaltung intuitiv zum Ausdruck bringen. Daher wäre der erste Schritt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu reflektieren und achtsam zu sein. Was tut mir gut? Lebe ich im Einklang mit meinen inneren Werten? Was brauche ich um mich herum?
    • Als Nächstes solltest du beobachten und analysieren: Was lässt mein Raum zu? Was gefällt mir besonders gut – und was stört mich eher? In diesem Zuge lohnt es sich zum Beispiel, Dinge zu reparieren, die vielleicht schon lange kaputt sind und nerven. Denn auch die Nachhaltigkeit ist etwas, was uns erfüllt und zufrieden macht. Und das erzeugt sofort mehr Wohlbefinden!
    • Wer dann mit der eigentlichen Umgestaltung beginnt, dem rate ich, klein anzufangen und mit einem Platz im Raum zu starten. Zwischendrin sollest du immer wieder wahrnehmen, wie sich die Veränderungen anfühlen und ggf. nachjustieren.
    • In Bezug auf Pflanzen empfehle ich die zu wählen, die für den entsprechenden Standort geeignet sind und sich vor der Anschaffung darüber zu informieren. Beachte dabei auch die Ansprüche, die du an eine Pflanze hast.
    • Was die anderen Elemente des Biophilic Design angeht, solltest du überlegen, was in deine Wohnung integrierbar ist. Inspirationen holst du dir am besten direkt in der Natur: Einfach beim nächsten Spazierengehen darauf achten, welche Strukturen, Farben und Formen dich besonders ansprechen, welche Materialien sich haptisch gut anfühlen und welche Gerüche und Geräusche deine Sinne wecken.

Für mehr Anregungen schaue einfach auf meinem Blog Writingtrees oder auf meinem Instagram-Kanal vorbei. 

Danke für das Interview, liebe Katharina!

©Titelbild: Mira Pusch