Diese Geschichte vom Samen des Lebens: für Kinder und Erwachsene hilft dir, dein wahres Potenzial zu erkennen und an dich zu glauben.
Glaube an dich – denn du bist der Samen des Lebens!

„Das Wunder bist du!“ Oder: Wie du an dich glauben lernst

Alles entstand aus einem Samen: dem Samen des Lebens. Auch du. Diese Geschichte zeigt dir den Weg, dein wahres Potenzial zu erkennen, um an dich zu glauben. Und an die Wunder. Denn du bist das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ – du BIST das Wunder. 

Diese Geschichte über den Samen des Lebens erzählte mir meine Oma an einem heißen Spätsommerabend. Im Licht der untergehenden Sonne bewunderten wir den berauschenden Goldglanz unseres vor Reife strotzenden Kornfelds. Noch vor ein paar Monaten kämpften sich hier die zarten grünen Sprösslinge aus dem harten Boden heraus. Jetzt streckten tausende kräftige Gräser ihre strohblonden Ähren-Köpfe zur rötlich-gelben leuchtenden Scheibe am Himmel.

Die Luft duftete so würzig nach reifem Weizen: In meiner Fantasie roch und schmeckte ich bereits frisch gebackenes Brot. Ich streichelte vorsichtig über eine der Ähren, begeistert darüber, was aus einem kleinen Korn alles werden kann. Meine Oma beobachtete mich mit einem Lächeln. Als ich mich endlich von der Weizenähre trennte, blickte ich glücklich zu ihr hinauf. Sie sah mir tief in die Augen: Ihr aufmerksamer, liebevoller Blick war weich und durchdringend zugleich. Sie schien etwas tief in mir zu erkennen, was ich noch nicht zu ahnen vermochte. Etwas Magisches, was sich noch entfalten, sich zeigen möchte. Dieses Geheimnis, das ich scheinbar in mir trug, faszinierte sie und schenkte ihr die Zuversicht, dass ich alles auf meinem Lebensweg mit Bravour meistern werde.

Ihre Geschichte sollte mich nun auf die Reise zu meinem inneren Geheimnis vorbereiten. Damit säte sie in mein Herz den Samen des Glaubens daran, dass ich – wie das kleine Korn – die größten Wunder in mir selbst entdecken werde.

Die Geschichte vom Samen des Lebens

Das überreife Getreidefeld schien in diesem Sommer so viel Sonne eingefangen zu haben, dass es selbst wie tausend Sonnen leuchtete. Als die letzten Strahlen des untergehenden himmlischen Feuerballs die reifen Körner zärtlich berührten, lösten sich einzelne Weizenkörner von der Ähre und fielen auf den schwarzen, warmen Boden. Einer der Samen rollte etwas weiter weg von seinen Geschwistern. Und eine neue Reise voller Wunder und Abenteuer begann

Herbst: Die Kraft des Wünschens und das erste Wunder erleben

Es war dunkel und roch etwas muffig: Seine Geburt hat sich der kleine Samen etwas anders vorgestellt. „Wer bin ich – und wo bin ich?“, fragte er sich. Das Samenkorn schaute sich um: Es lag zwar weich und kuschelig. Doch wo war die Welt voller grüner Bäume und bunter Blumen, die ihm Herr Gott versprach, als er ihn auf die Erde schickte? Der Samen fühlte sich einsam und verloren. Noch ahnte er nicht, welche Kraft in seinem kleinen Samenkörper schlummerte; welch tiefe Weisheit in ihm innewohnte.

So beschloss der Samen, auf die Suche nach dem versprochenen Paradies zu gehen – und stellte schnell fest, dass er sich nicht bewegen konnte. Enttäuscht schaute er zum Himmel hinauf und sprach zu Gott: „Oh du Herr da oben, du hast mich als eines der Millionen Samenkörner auf diesem Feld erschaffen. Doch hast du vergessen, mir die Beine zu schenken. Wie soll ich denn etwas von dieser schönen Welt sehen, wenn ich doch an dieses Feld gebunden bin?“ Hoffnungsvoll starrte er den Himmel an und wünschte sich ein Wunder, das ihn hier fortbringen würde. Doch es passierte nichts. So lag der Samen reglos auf seinem erdigen Bett, als plötzlich ein Wind aufkam und einen Wirbel über dem trockenen Boden bildete. Dieser wirbelte die staubige Erde auf und trug diese mit dem Samen zusammen in eine unbekannte Richtung.

Als sich das kleine Samenkorn von seiner schwindelerregenden Reise erholte, fand er sich auf einer Waldwiese wieder. Sie duftete so süßlich nach Honig. Er sah in die Höhe strebende grüne Grashalme, farbenrohe Blumen und Schmetterlinge, die über den zarten Blüten flatterten. „Die Welt ist wirklich schön und voller Wunder! Herr Gott sprach die Wahrheit!“, murmelte der kleine Samen voller Begeisterung. Doch je mehr Schönheit er um sich herum entdeckte, desto lauter fragte er sich: „Was kann ich zu dieser wundervollen Welt beitragen? Ich bin nur ein kleiner, unscheinbarer Samen, der weder duftet, noch schön anzusehen ist. Der weder Schmetterlinge, noch Bienen anzieht. Eigentlich liege ich nur so da …“

Glaube an dich“, hörte er Herrn Gotts Stimme vom Himmel. „Und glaube an Wunder, die dich begleiten werden. Keine Sorge: Ich habe dich erschaffen, damit auch du der Gemeinschaft aller Erdbewohner dienen kannst. Deine Bestimmung wirst du früh genug erkennen, mein lieber Samen.“

An sich glauben? Damit konnte der kleine Samen nichts anfangen. Denn er wusste nicht einmal, was „glauben“ bedeutet. „‘An sich glauben‘ bedeutet, Talente und Fähigkeiten, die in dir stecken, zu kennen“, meldete sich Herr Gott vom Himmel. „Und es bedeutet, zu wissen, dass dich diese durchs Leben tragen werden, sodass du dich auf dich selbst verlassen kannst – in jeder erdenklichen Situation.“

Der kleine Samen schaute sich genau an. Doch er konnte nichts finden: keine Talente, keine Gaben, keine Wunder. Denn er war nur ein Korn – nicht mehr und nicht weniger. Wie sollte er auch herausfinden, was alles in ihm steckte, wenn er sich doch noch nicht einmal bewegen konnte?

„Weißt du noch, wie du auf diese bunte Wiese kamst?“, flüsterte liebevoll die Stimme von oben. „Du hast dir gewünscht, nicht mehr auf deinem Heimat-Kornfeld zu sein. Und schon hörte dich der Wind und erfüllte dir deinen Wunsch. Ist das nicht ein Wunder? Irgendwann hörst du jemanden nach dir rufen und dich um Hilfe bitten. Dann kannst auch du für jemanden ein Wunder sein.“

Diese Aussicht munterte das kleine Korn etwas auf. Plötzlich spürte es, dass es nicht leer war – dass sich in seiner Mitte etwas befand, was es erfüllte. Einen Samen der Hoffnung hatte Herr Gott nun in sein Herzen gesät. Und den Glauben an die Kraft des Wünschens! Das ermunterte den kleinen Samen, seinen weiteren Wunsch auszusprechen: Nun wolle er bitte eine wunderschöne Mohnblume werden! Denn er würde gerne zarte Schmetterlinge anlocken und sie mit leckerem Nektar füttern.

So wartete er auf ein weiteres Wunder. Gefühlt verging eine ganze Ewigkeit, doch die erhoffte Verwandlung passierte nicht. Ungeduldig und etwas verdutzt wandte sich der Samen wieder an Herrn Gott: „Du hast mir beigebracht, ich soll an das Wunder des Wünschens glauben. Doch nun bleibt mein Traum, eine Mohnblume zu werden, unerfüllt.“

Herr Gott grübelte kurz: Wie soll er einem kleinen, unerfahrenen Samen erklären, dass nicht jeder Wusch erfüllt werden kann? Weil nicht alles, was er sich wünscht, zu seinem Besten wäre. Dann fiel ihm etwas Besseres ein, als den Samen mit Worten überzeugen zu wollen. Schnell malte Herr Gott ein Bild aus Wolken in den Himmel. Dieses war ein Abbild der Wiese, auf der das Samenkorn lag. Er malte noch einen Menschen hinzu, der mit einer Sichel durch die Wiese ging. Und eine Mohnblume, die gerade in ihrer vollen Pracht erblühte, um die schönen Schmetterlinge und Bienen anzulocken. Doch dazu hatte der Mohn keine Zeit mehr: Der Mensch schnitt die feuerrote Blume mit seiner Sichel ab und brachte sie samt anderer Wiesengräser in den Stall. Hier wartete das Vieh bereits auf die feine Abendmalzeit.

„Erkennst du jetzt, mein kleines Samenkorn, warum es nicht dein bester Wunsch war, eine Mohnblume zu werden?“, frage Herr Gott den Samen. „Dein Leben wäre sehr kurz gewesen. Und vor allem dein Traum, von Schmetterlingen umgeben zu sein, wäre nie wahr geworden. Darum wisse: Nicht alles, was du dir wünschst, wird erfüllt werden. Denn nur die Träume, die dich auf deinem eigenen Lebensweg – dem Weg als Samenkorn – weiterbringen, werden in Erfüllung gehen. Vertraue darauf, dass dir, wenn du auf dem richtigen Pfad bist, alles leichtfallen und alles zufliegen wird. “

Der kleine Samen schaute fragend. Denn auch das Wort „vertrauen“ war neu für ihn. Das merkte Herr Gott natürlich sofort und fuhr mit seiner Erklärung fort: „Vertrauen bedeutet, ganz tief in dir zu wissen, dass alles zu deinem Besten passiert; an Wunder zu glauben und daran, dass für dich immer gesorgt wird. Auch wenn es nicht immer leicht sein wird, deinen Weg zu gehen – du wirst nur so viel zu tragen bekommen, wie du auch tragen kannst. Und manchmal wirst du eben getragen werden, wenn du es selbst nicht schaffst, dich nach vorne zu bewegen.“

„Und wie finde ich heraus, was mein Weg ist? Wenn ich mich doch nicht einmal bewegen kann, um überhaupt irgendwohin zu kommen?“, bohrte der Samen nach.

„Um den richtigen Weg zu erkennen, musst du zuerst herausfinden, was dich ausmacht und wer du bist“, schlug Herr Gott vor. Der kleine Samen hörte ihm aufmerksam zu und hoffte, dass er es ihm gleich verraten würde. Doch Herr Gott schwieg. „Wer bin ich denn und warum hast du mich auf die Erde geschickt?“, hakte das Samenkorn ungeduldig nach. „Das herauszufinden gehört auch zu deinem irdischen Weg. Es wird Zeit, dass du dich auf die Suche begibst – auf die Suche nach dir selbst und dem Sinn deines Lebens“, verkündete Herr Gott abschließend und segnete den Samen mit ein paar Abenteuern, die ihm helfen sollten, sich selbst zu erfahren.

Winter: Zeit für lehrreiche Begegnungen und nützliche Erfahrungen

Gelangweilt und lustlos lag der Samen zwischen all den wunderschönen Naturgeschöpfen der Wiese, als ein Piepsen nicht weit von ihm erklang. „Wer ist da?“, fragte das kleine Korn, „Bist du es, Herr Gott?“ Statt einer Antwort vom Himmel hörte er Rascheln, das sich ihm schnell näherte. Eine Feldmaus streifte mit ihrem weichen Fell am Samen vorbei, schnappte ihn mit ihren scharfen Zähnchen und verschwand, mit dem kleinen Korn im Maul, in einem Erdloch, das sie ihr Zuhause nannte.

Als der Samen aus seinem Schreck erwachte, sah er … nichts. Dunkel war es um ihn herum. Dunkel und feucht. Seine Hoffnung, von hier aus Herrn Gott zu erreichen, schwand mit jeder Sekunde. „Das war’s – ich werde nie erfahren, was in mir wirklich steckt“, dachte der Samen, als er plötzlich spürte, dass er in diesem Erdloch nicht allein war. Auch andere Samen, Nüsse und Früchte lagen um ihn herum.

„Wer seid ihr und was passiert hier?“, fragte er fast schon weinerlich seine neuen Gefährten. „Wir sind in der Vorratskammer einer Maus – und ihr Futter für den Winter“, antwortete eine Haselnuss. Diese war schon sehr reif und schien etwas mehr über das Leben zu wissen. „Das bedeutet, dass uns die Maus fressen wird? So kurz habe ich mir mein Leben nun wirklich nicht vorgestellt“, jammerte der Samen. „Keine Sorge, die Maus fängt zuerst bestimmt mit weichen Früchten oder reifen Nüssen an, bevor sie sich dich, den trockenen, kleinen Samen, vornimmt“, versuchte die Haselnuss das Korn zu beruhigen. Doch diese Worte klangen gar nicht tröstend für den Samen.

„Wenn ich doch nicht einmal einer Maus so gut schmecke wie du – was ist dann der Sinn meines Lebens?“, fragte er die scheinbar lebenserfahrene Haselnuss. „Hhhm, das weiß ich leider auch nicht. Was ich jedoch weiß, dass ich mich zu einem Strauch entwickelt hätte, wenn ich nicht in die Klauen der Maus geraten wäre. Das habe ich unter meinem Heimatstrauch erlebt, als ich von oben meine bereits reifen Geschwister aus dem Boden sprießen sah.“

Diese Worte erweckten im kleinen Korn einen Funken Hoffnung, dass er doch noch mehr war als ein nutzloser, trockener Samen. Aber was nütze ihm dieser Gedanke, wenn er doch hier, im feuchten Erdloch, eingelagert war und auf sein Schicksal wartete, als letzter gefressen zu werden?

Trotz dieser trostlosen Aussicht versuchte der Samen in den nächsten Tagen und Wochen aus seiner Zeit im Dunklen das Beste zu machen. Regelmäßig sprach er mit anderen Vorratskammer-Gesellen und erfuhr immer mehr über andere Samen und Körner: über ihre Herkunft und ihre Eltern; über den fruchtbaren Boden irgendwo am anderen Ende der Welt, der vielen Samen und Körnern zu einer wundersamen Verwandlung verhilft. Darüber, dass aus einem kleinen Samen sogar ein großer Baum wachsen kann …

Was ihn jedoch besonders tröstete: Immer stärker fühlte er, dass die Zeit im dunklen Schoß der Erde keine Strafe, sondern eine Rettung war. Von seinen neuen Freunden erfuhr er nämlich, dass viele Samen und Früchte im Winter auf der Erdoberfläche erfrieren. So war das kleine Korn dankbar, hier, von Mutter Erde geborgen und geschützt zu sein. Und er freundete sich sogar mit der anfangs beängstigenden Dunkelheit an. Nun wusste er, dass auch sie ihn schützen kann – in dem sie ihn quasi unsichtbar macht.

Zu seiner größten Freude lernte er von einer kleinen Erbse, sich eigenständig zu bewegen. Sie erklärte ihm, wie er die Kraft des Windes oder die Bewegung der Erde für sich nutzen kann. „Wenn du irgendwann wieder auf einer Wiese landest, spüre die Luft. Kommt eine sanfte Briese, gib dich ihr einfach hin, damit sie dich rollen kann. Manchmal gräbt ein Regenwurm direkt unter dir seinen unterirdischen Gang. Wenn du seine Bewegung wahrnimmst, lass dich von ihr mitreißen – auch so rollst du ein wenig weiter.“

Zwar dachte das kleine Korn gerade nicht daran, dass er jemals wieder eine Wiese unter seinem ovalen Körper spüren wird. Doch er fühlte sich nun gefüllt vom neuen Wissen, das er von seinen Samen-Kameraden erlernen durfte. Er war nicht mehr so unbeholfen wie in den ersten Tagen nach seiner Geburt. Ein Funke des Vertrauens schien sogar die Dunkelheit, die den Samen umgab, etwas zu erleuchten.   

Während das kleine Korn durch seine Schule des Lebens im Erdloch ging, schritt auf der Erdoberfläche der Winter voran. Seine Freunde wurden immer weniger. So wartete der kleine Samen jeden Moment darauf, im Magen der Maus zu landen. Besonders traurig machte ihn der Gedanke, dass er keine Wunder mehr erleben würde – auch nicht das Wunder seiner eigenen Verwandlung. Und dass er nie wieder die Stimme von Herrn Gott hören oder bei ihm einen Wunsch aufgeben könnte …

Was das kleine Korn jedoch nicht ahnte: Herr Gott hörte nie auf, seinen Gedanken und Gebeten zu lauschen, seine Sehnsucht nach dem Wachstum zu spüren und seinen Weg zu dem, was er in Wirklichkeit war, zu ebnen.

Das Licht der Sonne grüßt das neue Leben – das Wunder des Frühlingserwachens

Nach ein paar Monaten war die Vorratskammer der Maus nahezu leer. So wusste der kleine Samen, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Eines Tage lagen nur er und ein paar andere kleinere Körner im Erdloch der Maus und warteten darauf, ihr Schicksal zu erfüllen. Doch … die Maus kam nicht. Der Schnee war geschmolzen, und sie machte sich auf die Jagd nach frischem Futter. So passierte im Leben des Samens ein weiteres Wunder, um welches er nie aufhörte zu bitten.

An einem Frühlingstag, als das Schmelzwasser den Boden des Erdlochs durchtränkte und die Schale des kleinen Korns erweichte, spürte er eine Bewegung direkt unter ihm. Ein Maulwurf bahnte sich den Weg an die Oberfläche. Der Samen erinnerte sich an die Lektion der Erbse und gab sich dieser Bewegung hin. Kraftvoll schob der Maulwurf die Erde nach oben und katapultierte so das Samenkorn aus dem Erdloch, das ihm so viele lange Tage Unterschlupf gewährte. Nun lag er auf einer Wiese oder in einem Feld und war nur noch mit einer hauchdünnen Erdschicht bedeckt. Er konnte wieder das Licht sehen und die Wärme der Sonne spüren. Genau das hatte er sich viele kalte Wintermonate lang gewünscht! Genau auf dieses Wunder hatte er im Dunklen gehofft!

Ich danke dir, Herr Gott im Himmel, dass du mich noch einmal das Sonnenlicht empfangen lässt!“, rief er voller unbändiger Freude hinauf. Er war so glücklich und so voller Hoffnung, dass diese Welt es doch noch gut mit ihm meinte. „Ich danke dir, dass du nie aufgehört hast zu hoffen, mein kleines Korn“, erklang die Stimme vom Himmel. „Genau diese Hoffnung ist die unsichtbare Brücke zwischen dir und mir. Du siehst ja, du kannst dich auf mich verlassen. Doch du kannst auch an dich selbst glauben und deiner Lebenskraft vertrauen“, lächelte Herr Gott zufrieden. Denn er wusste, dass der kleine Samen nun bereit für das größte Wunder war: das Wunder des Erwachens in seine eigene Kraft.

Doch der kleine Samen hatte es gerade nicht mehr eilig, die große Welt und sich selbst zu entdecken. Vorerst wollte er seine neue erfreuliche Lage so richtig genießen. So kuschelte er sich in die sonnenwarme Erdenmulde hinein. Er lauschte summenden Bienen und dem sausenden Wind, sah kleine Schwalben über ihm kreisen und die ersten Schmetterlinge flattern. Er war zuhause – hier, auf diesem zum Leben erwachenden Fleckchen Erde. Denn hier waren auch seine Geschwister zuhause: Der Bauer hatte nämlich das Feld bestellt und Millionen andere Körner in den warmen, feuchten Boden gesät.

So durften bis zum größten Wunder im Leben des kleinen Samens noch einige Tage vergehen. Ein paar erfrischende Regenschauer ergossen sich über das Feld. Ein paar heiße Sonnenstrahlen machten das weiche Erdenbett des kleinen Samens noch gemütlicher. Alles um ihn herum war voller Bewegung: Es blühte und grünte, rauschte und zwitscherte. Eigentlich war es auch für das kleine Korn Zeit, zu erwachen. Es war Zeit, zu entdecken, was in ihm, unter seiner Schale schlummerte … So wie es Herr Gott für ihn vorgesehen hatte.

Allerdings schien der Samen nichts anderes mehr vorzuhaben, als sich nach seinem aufregenden, lehrreichen Winter im Untergrund auszuruhen. Zu sehr genoss er die Sonne und die Wärme, sein weiches Bett und die wunderschöne frühlingshafte Kulisse. Herr Gott sah Korns Wunsch nach der neuentdeckten Geborgenheit und ließ ihn die nächste Lektion seines Samenlebens lernen. Denn der Herr im Himmel sah sich als jemanden, der den Weg weisen kann, wenn die Zeit für eine Veränderung reif ist. Diesen Weg gehen muss jedoch jeder selbst – so auch der kleine Samen.

Sommer: Die Schale aufbrechen und das Wunder der Verwandlung erleben

Es vergingen Tage. Oder sogar Wochen. Der Samen lag regungslos in seinem Erdenbett und genoss die ihm inzwischen so kostbar gewordene Gemütlichkeit. Mit der Zeit wurde die Erdschicht über ihm etwas dicker. Auch seine Schale schien härter zu werden, sodass sie sich langsam zu eng anfühlte. Das störte den Samen jedoch nicht: Zu sehr hing er an seinem bequemen Plätzchen. Was ihn jedoch beunruhigte, war, dass er durch die immer dichter werdende Erdschicht immer weniger Sonnenlicht sehen konnte. Die Angst, schon bald ein weiteres Mal von der Dunkelheit verschlungen zu sein, wurde langsam unerträglich. So wandte sich der Samen erneut an Herrn Gott mit einer Bitte, ihm einen Weg zu zeigen, das Licht immer sehen zu können …

„Alles, was du erlebst, ergibt Sinn. So birgt auch die Dunkelheit eine neue Chance: Sie erweckt in dir den Wunsch nach Licht; fordert dich heraus, den Weg zum Licht zu suchen“, meldete sich Herr Gott unverzüglich. Denn er wartete bereits darauf, dem Samen den Weg aus seiner Komfortnische – zum Licht hin zu zeigen. Es war nämlich nicht der erste Samen, den er auf die Erde schickte und den er zu seinem persönlichen Wunder verhalf. Seine Stimme klang durch die dicke Erdschicht zwar dumpf. Doch die Worte waren von solcher Klarheit, dass sie direkt im Herzen des kleinen Korns landeten.

„Und alles hat seinen Preis, mein lieber Samen“, setzte Gott seine tiefgehende Rede fort. „Der Preis für das ewige Licht ist die gemütliche Schale, von der du dich verabschieden müsstest. Sicherlich hat sie dir gute Dienste geleistet. Doch du spürst es ja auch selbst: Sie beengt dich bereits.“

Beim Gedanken, er müsste die Schale aufgeben, zog es den Samen innerlich zusammen. Zu lang hat sie ihn beschützt. Zu lang war sie sein sicheres Zuhause. Gleichwohl dachte das kleine Korn an das schöne Sonnenlicht – und spürte plötzlich eine Bewegung. Doch diesmal war es kein Maulwurf unter ihm. Es bewegte sich etwas in ihm!

„Lieber Gott, was ist das, was ich in mir spüre, was mich aus meinem Schlummerschlaf erweckt? Jetzt, wo ich doch meinen Platz gefunden habe und mich so sehr wohlfühle …“

Herr Gott wusste, was es war, doch ihm fehlten die passenden Worte. Darum griff er erneut auf seine Malkünste zurück und zeichnete ein Bild am Himmel. Diesmal zeichnete er eine großgewachsene Weizenähre, die sich der Sonne entgegenstreckte. Sie war so reif, so voller Kraft und innerer Fülle, dass sie selbst mit der Sonne um die Wette zu strahlen schien. Von oben sah die Ähre viel mehr von dieser schönen Welt, als der kleine Samen je sehen würde, wenn er in seinem bequemen Erdenbett liegen bleibt. Und sie war so nah an Herrn Gott im Himmel – viel näher als der kleine Samen in der Erde, der die goldene Ähre am Himmelbild bewunderte. Und die er auch ein wenig beneidete.

Das lichtvolle himmlische Bild erweckte eine Erinnerung im kleinen Korn, die sich wie ein Blitz anfühlte. Auf einmal wusste er es wieder: Er wollte doch herausfinden, was seine Bestimmung ist! Er erinnerte sich auch daran, dass Herr Gott ihm ein großes Wunder versprach, das er mit sich selbst erleben würde. Verwirrt kuschelte sich der Samen in die weiche Erde hinein: War er bereit, dieses sichere, gemütliche Plätzchen aufzugeben – für einen Traum vom Wunder, von dem er nichts wusste? Er spürte seine Schale: Zwar gab sie ihm nach wie vor Schutz und Sicherheit. Doch sie war nicht mehr groß genug für ihn. Denn etwas in ihm bewegte sich ununterbrochen und verlangte nach mehr Platz. Was sollte er nun tun?

„Die Entscheidung, dem Licht entgegen zu wachsen und dein Wunder zu erleben – oder weiterhin im Dunklen zu verweilen –, liegt allein bei dir“, sprach Herr Gott, als er die Zerrissenheit des Samens spürte. So sah das kleine Korn erneut das himmlische Bild an, das sich nun in der Luft aufzulösen begann. Zu gern würde er sich der Sonne, dem Herrn Gott und dem Himmel so nah fühlen, wie dies die Ähre tat. Und dieser Wunsch war größer als die Angst, seine Schale aufzubrechen und ganz ohne Schutz dazustehen.

Herr Gott sah, dass dies nun wahrlich der richtige Zeitpunkt war, und schickte einen besonders warmen und hellen Sonnenstrahl auf das kleine Korn herab. Es rollte von einer Seite auf die andere; befreite sich von den restlichen Erdkrümmen, die auf ihm lasteten; reckte und streckte sich – als plötzlich ein leiser Knall die Stille durchbrach. Die Schale: Sie war geplatzt und legte einen zarten grünen Sprössling frei. Herr Gott lachte beherzt. Er kannte zwar diesen Moment der Verwandlung sehr gut. Doch den zaghaften Sprösslingen beim Herausbrechen zuzusehen, war jedes Mal ein kleines Wunder für ihn. 

Herbst: Das Ende der Geschichte vom Samen des Leben, welches auch der Anfang ist

Und der Samen, der kein Samen mehr war? Er fühlte sich anders – wie neu geboren. Er war so weich und biegsam, dass er sich im leichten Wind hin und her bewegen konnte. So beweglich zu sein war für ihn viel angenehmer, als still und regungslos in der Erde zu liegen. Es war von allem genug da: vom Platz, vom Licht, von der Wärme. Diese Verwandlung fühlte sich wie ein Wunder an.

„Es ist ein Wunder – denn du bist kein Samen mehr“, erklang die sanfte Stimme vom Herrn Gott in der Luft. „Und es ist nicht das Ende, sondern der Anfang deines Weges auf der Erde, in die du eines Tages als Samen zurückkehren wirst. Sei dir sicher: Diese ‚Verwandlung‘ endet nie.“

Der Samen, der kein Samen mehr war, sah sich genauer an und erkannte, dass er nun ein grüner Weizensprössling ist. Sofort kam ihm das Bild von der Ähre in den Sinn: Herr Gott soll wohl seinen Wunsch erfüllt haben, ihn in eine Ähre zu verwandeln!

„Danke, Herr Gott im Himmel, dass du dieses Wunder vollbracht hast und mich zu einem Sprössling machtest, der bald eine wunderschöne goldene Ähre werden darf!“, rief er begeistert zum Himmel.

Das Wunder bist du selbst“, antwortete Herr Gott und schmunzelte über den noch recht naiven grünen Grashalm. „Die Kraft und die Fülle der goldenen Ähre waren von Anfang an in dir drin. Sie mussten sich nur den Weg durch die Schale bahnen, die dich so lang so gut schützte.“

„Wer schütz mich jetzt?“, fragte der zarte Sprössling leicht besorgt nach. 

„Die wahre Sicherheit findest du nicht im Außen. Natürlich könnte ich Zäune, Mauern und Dächer um dich herum errichten, die dich vor Tieren, Wind und Regen schützen. Doch dann fehlte es dir an allem, was du zum Wachsen brauchst. Keine Sonne und kein Wasser, die dich umsorgen, würden dich berühren. Du würdest keine Luft riechen, die dich bewegt, und keine Erde schmecken, die dich nährt. Nur wenn du frei bist, kannst du zur goldenen Ähre heranwachsen, die dem Himmel und mir so nah ist. Und so voller Kraft und Fülle.“

Der Sprössling spürte nach: Diese neue Freiheit fühlte sich großartig an! Dankbar dachte er an die gesammelten Erfahrungen und Lektionen des Lebens. Er dachte an seinen bisherigen Weg, der zwar nicht immer leicht war. Doch er schaffte es, in jeder noch so untröstlichen Situation weiterzukommen. Und nun fühlte er sich stark und gut verwurzelt. Gleichzeitig wusste er tief in seinem Inneren, dass es noch mehr Wunder gab – in ihm selbst und um ihn herum.

Ja, er war bereit, den eigenen Weg zu gehen und eine goldene Ähre zu werden. Eine Weizenähre, die eines Spätsommertages neue Samen hervorbringen wird. Diese werden zum Teil zu Mehl und dann zu Brot werden – und so die Menschen ernähren. Ein Teil der Körner wird jedoch auf den warmen Boden fallen, um hier auf den Tag ihrer wundersamen Verwandlung zu warten. So würde er, der kleine Samen, der nun ein zarter Sprössling war, immer und immer wieder auf der Erde wandeln.


Mit dem Samen beginnt und endet das Leben immer und immer wieder.

„Du siehst, mein Kind, der Samen ist der Anfang und das Ende allen Seins“, beendete meine Oma ihre Geschichte vom Samen des Lebens. „Er ist der Kreislauf des Lebens. Denn jeder Samen wird zur goldenen Ähre, die neue Samen gebärt. Oder zu einer Blume, einem Schmetterling oder einem Baum. Denn kein Samen ist einfach nur ein kleines Korn. Er ist ein Wunder. Er ist das Leben. Auch du bist ein Samen Gottes. Du entstandst aus einem Samen und trägst nun einen kostbaren Samen in dir: deine ewig währende Seele. Du bist also auch ein Wunder – glaube daran und glaube an dich!“

Inzwischen ging die Sonne bereits schlafen. Die warme Abenddämmerung umhüllte mich von außen, während ich von innen eine etwas andere Wärme spürte. Ich glaube, zum ersten Mal die Zuversicht zu fühlen, dass Herr Gott mich mit einer ganz bestimmten Mission auf die Erde schickte. Ich glaubte daran, dass er mir bereits alles mitgegeben hatte, was ich brauchte, um diese Mission zu erfüllen. So meinte ich auch zu wissen, was es bedeutet, an mich zu glauben: eigene Talente und Kräfte zu entdecken, zu kennen und sie zum Wohle aller zu nutzen.

Und noch war da das Vertrauen, dass egal, wie lange und wie schwer mein Weg sein würde: Es sind genug Wunder und Helfer da, die mich auf meinem irdischen Pfad begleiten. Damit ich das vollkommene Bild von mir verwirklichen kann, das Herr Gott in mir als Samen angelegt hatte.

Titelbild: © SwapnIl Dwivedi / Unsplash

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